
Einschlafgeschichte: Die Nachtigall
Die Nachtigall (1844) ist ein Märchen von Hans Christian Andersen. Der Kaiser von China erfährt, dass in seinem Reich eine Nachtigall besonders schön singt. Bald erhält er eine künstliche Nachtigall, die kaputt geht. Die echte Nachtigall rettet schließlich den Kaiser vor dem Tod.
Transkription
»Die Nachtigall« von Hans Christian Andersen,
Geschrieben 1844,
Gelesen von Gerald Blomeier.
Es war einmal in China.
Der Kaiser lebte dort im prächtigsten Schloss der Welt,
Gebaut aus feinsten Porzellan.
Im Garten sah man die wunderbarsten Blumen,
An denen Silberglöckchen hingen.
Diese erklangen,
Um die Aufmerksamkeit der vorbeigehenden Besucher zu wecken.
In der Nähe lag ein Wald,
Der gerade hinunter bis zum Meer führte,
Das blau und tief war.
Große Schiffe segelten darauf.
In den Bäumen wohnte eine Nachtigall,
Die so herrlich sang,
Dass selbst die Fischer innehielten und lauschten,
Wenn sie nachts ihre Netze einzogen.
»Das ist so schön«,
Sagten sie.
Von allen Ländern kamen Reisende in die Stadt des Kaisers und bewunderten das Schloss und den Garten.
Doch als sie den Gesang der Nachtigall hörten,
Sagten sie alle,
Das ist wirklich der schönste.
Reisende erzählten davon,
Dichter schrieben Verse und die Gelehrten Bücher über die Stadt,
Das Schloss und den Garten.
Aber von allen wurde die Nachtigalla zu Höhepunkt gepriesen.
Die Bücher wurden in aller Welt gelesen und einige erreichten dann auch den Kaiser.
Er freute sich über die prächtigen Beschreibungen der Stadt,
Des Schlosses und des Gartens.
»Aber die Nachtigall ist das allerbeste«,
Stand da geschrieben.
»Was ist das?
« fragte der Kaiser.
»Die Nachtigall?
Kenn ich gar nicht.
Sorgt dafür,
Dass sie heute Abend herkommt und mir vorsingt.
« Aber wo war sie zu finden?
Niemand am Hof kannte sie.
Endlich fand man ein junges Mädchen in der Küche,
Die sagte,
»Oh ja,
Die Nachtigall,
Die kenn ich gut.
Und wie die singen kann!
Sie wohnt unten am Strand.
Wenn ich abends heimgehe,
Ruhe ich mich gern im Wald aus und höre sie singen.
Sie rührt mich so,
Als ob meine Mutter mich küsst.
« Der halbe Hof begleitete das Mädchen in dem Wald,
Wo die Nachtigall zu singen pflegte.
Da begann die Nachtigall zu singen.
»Das ist sie«,
Sagt das Mädchen.
»Hört,
Hört!
« Und da sitzt sie und zeigte auf einen kleinen grauen Vogel hoch oben in den Zweigen.
»Kleine Nachtigall«,
Rief das Mädchen laut,
»unser gnädigster Kaiser will,
Dass du vor ihm singst.
« »Mit dem größten Vergnügen«,
Antwortete die Nachtigall und sang,
Dass es eine reine Lust war.
»Liebe kleine Nachtigall«,
Sagte das Mädchen,
»ganz herzlich lädt dich seine kaiserliche Hoheit heute Abend zum Hoffest ein,
Wo du ihn mit deinem prächtigen Gesang bezaubern kannst.
« »Der Gesang hört sich aber am besten hier im Gr��n an«,
Antwortete die Nachtigall.
Aber sie kam gern mit,
Als sie hörte,
Dass der Kaiser es wünschte.
Auf dem Schloss strahlte alles im Glanz vieler tausend goldener Lampen und in den Gängen waren die prächtigsten Blumen aufgestellt.
Mitten in dem großen Saal,
Wo der Kaiser saß,
Stand ein goldener Stab,
Auf dem die Nachtigall sitzen sollte.
Die Nachtigall sang so herrlich,
Dass dem Kaiser die Tränen in die Augen traten und ihm über die Wangen liefen.
Da sang die Nachtigall noch schöner,
Dass es allen zu Herzen ging.
Der Kaiser war tief erfreut und sagte,
Dass er der Nachtigall seinen goldenen Pantoffel schenken wollte.
Aber die Nachtigall dankte ab,
Denn für sie seien die Tränen des Kaisers schon größte Belohnung gewesen.
Sie sollte nun bei Hofe bleiben,
Ihren eigenen Käfig haben,
Samt der Freiheit,
Zweimal am Tag und einmal nachts heraus zu spazieren.
Als Begleitung bekam sie zwölf Diener.
Ein Seidenband wurde ihr um ein Bein gebunden,
Damit sie nicht wegfliegen konnte.
Die arme Nachtigall war nun eine Gefangene und sehr traurig.
Eines Tages erhielt der Kaiser ein großes Paket,
Auf dem geschrieben stand »Die Nachtigall«.
Es war ein Kunstwerk,
Das in einer Schachtel lag,
Eine mechanische Nachtigall,
Über und über mit Diamanten,
Rubinen und Saphiren besetzt.
Sobald man den künstlichen Vogel aufzog,
Konnte er wirklich singen.
Dabei bewegte sich der Schweif auf und ab und glänzte von Silber und Gold.
»Nun müssen Sie zusammensingen,
« befahl der Kaiser.
Doch es wollte nicht klappen,
Denn die Nachtigall sang auf ihre Weise und der Kunstvogel immer nur das eine Lied.
Der mechanische Vogel war viel schöner anzusehen,
Denn er glänzte wie Schmuckstücke.
33 Mal sang er dasselbe Stück und war doch nicht müde.
Der Kaiser meinte,
Dass nun auch die lebendige Nachtigall etwas singen solle.
Aber wo war sie?
Niemand hatte bemerkt,
Dass sie aus dem offenen Fenster zurück zu ihren grünen Wäldern geflogen war.
Die Leute schimpften und meinten,
Dass die Nachtigall ein höchst undankbares Tier sei.
»Den besten Vogel haben wir doch,
« sagten sie,
Und so musste der Kunstvogel wieder und wieder singen,
Immer dasselbe Stück.
Bei der wirklichen Nachtigall weiß man nie,
Was da kommen wird.
Aber bei dem Kunstvogel ist alles vorbestimmt.
Man kann ihn aufmachen und das menschliche Denken zeigen.
Wir sehen,
Wo die Walzen liegen,
Wie sie gehen und wie das eine aus dem anderen folgt.
Am nächsten Sonntag wurde der Vogel dem Volke vorgezeigt.
Da sagten alle »Oh« und hielten den Zeigefinger in die Höhe und neckten dazu.
Nur die Fischer,
Die die wirkliche Nachtigall gehört hatten,
Sagten,
»Es klingt hübsch,
Aber es fehlt was.
Wir wissen nicht,
Was.
« Der Kunstvogel hatte seinen Platz auf einem seidenen Kissen dicht beim Bett des Kaisers.
Alle Geschenke,
Die er erhalten hatte,
Gold und Edelsteine,
Lagen rings um ihn herum.
Er bekam den Titel »hochkaiserlicher Nachttischsänger«.
Es verging ein ganzes Jahr.
Der Kaiser,
Der Hof und alle die übrigen Chinesen konnten jeden kleinen Ton in des Kunstvogels Gesang auswendig.
Gerade deshalb gefiel er ihnen jetzt am allerbesten.
Sie konnten selbst mitsingen und das taten sie.
Aber eines Abends,
Als der Kunstvogel am besten sang und der Kaiser im Bett lag und darauf hörte,
Sagte es »schwupp« inwendig im Vogel.
Da sprang etwas heraus.
»Schnurr«.
Alle Räder liefen herum und dann stand die Musik still.
Der Uhrmacher wurde geholt und nach vielem Sprechen und Nachsehen brachte er den Vogel etwas in Ordnung.
Aber er sagte,
Dass er sehr geschont werden müsse,
Denn die Zapfen seien abgenutzt und es sei unmöglich,
Neue so einzusetzen,
Dass die Musik sicher funktioniere.
Was für ein Trauerspiel!
Nur einmal im Jahr durfte man den Kunstvogel singen lassen.
Nun waren fünf Jahre vergangen und das ganze Land überkam eine große Trauer.
Der Kaiser war schwer erkrankt und lag bleich in seinem großen prächtigen Bett.
Teppiche lagen in allen Gängen,
Damit man niemand gehen hörte.
Und deshalb war es sehr still.
Aber der Kaiser war noch nicht tot.
Steif und bleich lag er in dem prächtigen Bett mit den langen Sampfvorhängen und den schweren Goldquasten.
Hoch oben stand ein Fenster auf und der Mond schien herein,
Auf den Kaiser und den Kunstvogel.
Der arme Kaiser konnte kaum atmen.
Es war gerade,
Als ob etwas auf seiner Brust säße.
Er schlug die Augen auf und sah,
Dass es der Tod war.
Der hatte sich eine goldene Krone aufgesetzt und hielt in der einen Hand des Kaisers goldenen Säbel,
In der anderen seine prächtige Fahne.
Ringsherum aus den Falten der großen Bettvorhänge aus Samt sahen allerlei wunderliche Köpfe hervor.
Einige ganz hässlich,
Andere lieblich und mild.
Das waren des Kaisers gute und schlechte Taten,
Die ihn anblickten,
Jetzt,
Da der Tod ihm auf dem Herzen saß.
Musik,
Musik,
Schrie der Kaiser.
Du herrlicher Goldvogel,
Singe doch,
Singe.
Ich habe dir Gold und Kostbarkeiten gegeben.
Ich habe dir selbst meinen goldenen Patoffel um den Hals gehängt.
Singe doch,
Singe.
Aber der Vogel stand still.
Es war niemand da,
Um ihn aufzuziehen.
Sonst konnte er nicht singen.
Der Tod fuhr fort,
Den Kaiser mit seinen großen,
Leeren Augenhöhlen anzustarren.
Und es war still,
Schrecklich still.
Da klang auf einmal vom Fenster her der herrlichste Gesang.
Es war die kleine,
Lebendige Nachtigall,
Die auf einem Zweige draußen saß.
Sie hatte von der Not ihres Kaisers gehört und war deshalb gekommen,
Ihm Trost und Hoffnung zu singen.
So,
Wie sie sang,
Wurden die Gespenster bleicher und bleicher.
Das Blut kam immer rascher und rascher in das Kaisers schwachen Glieder in Bewegung.
Und selbst der Tod horchte und sagte,
Fahre fort,
Kleine Nachtigall,
Fahre fort.
Ja,
Willst du mir den prächtigen,
Goldenen Säbel geben?
Willst du mir die reiche Fahne geben?
Willst du mir des Kaisers Krone geben?
Fragte der Vogel.
Der Tod gab jedes Kleinod für den Gesang.
Und die Nachtigall fuhr fort zu singen.
Sie sang von dem stillen Friedhof,
Wo die weißen Rosen wachsen,
Wo der Flieder duftet und wo das frische Gras von den Tränen der Überlebenden befeuchtet hat.
Da kam dem Tod die Sehnsucht nach seinem Garten.
Und er schwebte wie ein kalter,
Weißer Nebel aus dem Fenster.
Danke,
Danke,
Du himmlischer kleiner Vogel,
Sagte der Kaiser.
Ich kenne dich wohl.
Du hast die bösen Geister von meinem Bette weggesungen,
Den Tod von meinem Herzen weggeschafft.
Was kann ich dir dafür geben?
Du hast mich schon belohnt,
Sagte die Nachtigall.
Ich habe deinen Augen Tränen entlockt,
Als ich das erste Mal für dich sang.
Das vergesse ich nie.
Das sind die Juwelen,
Die ein Sängerherz erfreuen.
Aber schlafe nun und werde stark.
Ich werde dir vorsingen.
Sie sang,
Und der Kaiser fiel in süßen Schlummer.
Mild und wohltuend war der Schlaf.
Die Sonne schien durch das Fenster herein,
Als er gestarkt und gesund aufwachte.
Du musst immer bei mir bleiben,
Sagte der Kaiser.
Du sollst nur singen,
Wenn du es selbst willst.
Und den Kunstvogel schlage ich in tausend Stücke.
Tu das nicht,
Sagte die Nachtigall.
Er hat ja Gutes getan,
Solange er konnte.
Behalte ihn wie bisher.
Ich kann im Schloss weder nisten noch wohnen.
Aber lass mich kommen,
Wenn ich selbst Lust habe.
Da will ich des Abends dort beim Fenster sitzen und dir vorsingen,
Damit du froh bist und nachdenklich zugleich.
Ich werde von den Glücklichen singen und von denen,
Die da leiden.
Ich werde vom Bösen und Guten singen,
Was rings um dich herum dir verborgen bleibt.
Ich komme und singe dir vor,
Aber um eins bitte ich dich.
Erzähle niemand,
Dass du einen kleinen Vogel hast,
Der dir alles sagt.
So flog die Nachtigall fort.
Die Diener kamen herein,
Um nach ihrem toten Kaiser zu sehen.
Tja,
Da standen sie und stauten ihn gesund und voller Lebenskraft zu begegnen.
Der Kaiser freute sich über die Freundschaft mit der Nachtigall und dass beide die Freiheit haben,
Sich selbst zu sein.
Die Nachtigall hielt ihr Versprechen.
Und wegen der Berichte konnte der Kaiser noch lange gerecht und ausgleichend regieren.
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