
Vielleicht Bist Du Nicht Authentisch — Sondern Nur Vertraut
Was wir oft für Authentizität halten, ist manchmal nur das Vertraute: die alte Sicherheitszone, in der unser Nervensystem gelernt hat, sich geschützt zu fühlen. In dieser Folge geht es um Identität, Schutzmechanismen und die Frage, wem wir eigentlich treu bleiben, wenn wir sagen: „So bin ich eben.“ Jan spricht über den alten Wächter in uns, über Mut mit Alarm im Bauch – und darüber, warum echte Reifung oft dort beginnt, wo sich Wachstum zunächst falsch anfühlt.
Transkription
Mir ist in der letzten Zeit ein paar Mal Folgendes passiert,
Und das kenne ich so von mir nicht,
Also nicht in dieser Intensität.
Ich merke einen Impuls,
Etwas zu sagen oder irgendwas zu machen,
Und dann spüre ich in mir ein Zögern,
Also so ein dumpfes Ziehen im Brustkorbbereich.
Und dann so eine Art Bewusstseinsfilter,
Hm,
Lieber nicht,
Das passt nicht zu mir.
Oder so bin ich doch nicht.
Und dann denke ich,
Moment mal,
Wer ist eigentlich dieses Ich,
Zu dem das nicht passen soll?
Das hier ist AWAKE,
Der Podcast von Jan van Wille für Menschen,
Die genug vom Funktionieren haben.
Wir reden über Nervensystem,
Körper,
Innere Reifung und über die Frage,
Wer Du eigentlich bist,
Wenn Deine Schutzmechanismen nicht mehr alles regeln müssen.
Es geht nicht mehr um Selbstoptimierung,
Es geht um Reifung.
Also,
Diese Frage lässt mich seit ein paar Wochen nicht mehr los.
Wem bin ich eigentlich treu,
Wenn ich sage,
Ich bleibe mir selbst treu?
Lass mich das mal von der ganz nüchternen Seite angehen,
Rein biologisch.
Vielleicht hast du ja schon mal davon gehört.
Fast jede Zelle in unserem Körper wird im Laufe der Jahre ausgetauscht.
Also von dem Jan,
Der vor über 40 Jahren hier saß,
Ist kaum ein Atom übrig.
Nicht mal die Knochen bleiben ganz gleich.
Die bauen sich langsamer um als der Rest,
Aber sie bauen sich um.
Und mit meinen Überzeugungen sieht es nicht anders aus.
Was ich damals für richtig hielt,
Wie ich die Welt gesehen habe,
Sogar,
Was ich gern gegessen habe.
Ich hab zum Beispiel Marzipan geliebt,
Jede Woche Marzipan,
Marzipan,
Marzipan.
Heute kann ich's nicht mehr riechen.
Schon krass,
Was sich alles verändert hat.
Also welcher Jan genau soll sich hier eigentlich treu bleiben?
Ich glaube,
Wir reden ziemlich viel über Authentizität,
Ohne uns diese Frage wirklich zu stellen.
Wenn Treue zu mir selbst bedeutet,
In derselben Form zu bleiben,
Dann müsste ich mit meinen 63 Jahren noch der Mensch sein,
Der ich mit 30 war.
Und das wär aber keine Treue,
Sondern eher Stillstand mit einem hübscheren Namen davor.
Und trotzdem,
Das spüre ich genauso deutlich,
Da ist was geblieben,
Eben nicht die Meinungen,
Der Geschmack oder die Zellen,
Eher so eine Art hinzuschauen,
Eine Grundrichtung,
Aus der heraus ich die Dinge angehe.
Auch wenn sich die Themen komplett geändert haben.
Susanne und ich sind jetzt ja über 35 Jahre zusammen und da haben wir uns gestern drüber unterhalten.
Also erinnerst du dich noch an den Jan damals?
Oder ich,
Erinnere ich mich an die Susanne vor 35 Jahren?
Ja klar,
Aber da hat sich so viel verändert.
Und deshalb ist so eine uralt-Partnerschaft schon ein gewaltiger Ritt,
Was wir schon alles aneinander erlebt haben,
Ist unfassbar.
Wenn wir das bedenken,
Ist es überhaupt nicht selbstverständlich,
Dass zwei Menschen so lange zusammenbleiben.
Aber nochmal zurück zu diesem unveränderlichen Grund,
Die Essenz,
Der Seelengrund,
Würden die Mystiker wohl sagen.
Es gibt ja zum Glück dieses geheimnisvolle Etwas,
Das bei aller Veränderung stabil bleibt.
Und dieses Ich,
Das bleibt,
Das macht noch mehr als nur stabil zu sein.
Es entscheidet auch,
Was ich überhaupt merke.
Als hätte ich einen Türsteher im Kopf,
Der genau das rausfiltert,
Was nicht zu meinem Bild von mir passt,
Zu meinem Selbstbild.
Deshalb auch diese Frage am Anfang,
Die ich mir stelle,
Passt das denn zu mir?
Und das ist eigentlich das Verrückte an Identität,
Sie ist nicht nur eine Geschichte,
Die ich über mich erzähle,
Sie ist ein Filter,
Durch den ich überhaupt erst wahrnehme,
Was gerade passiert.
Was reinkommt,
Ist ja nie einfach nur die Welt,
Wie sie ist.
Mein Kopf gleicht das ständig ab,
Mit dem,
Was ich erwarte,
Mit dem,
Was ich erinnere oder was ich mir schon länger über mich zurechtgelegt habe.
Deshalb ist die Frage,
Wer bin ich,
Eigentlich die falsche Frage.
Klarer ist diese Frage.
Was lässt mein jetziges Bild von mir überhaupt zu?
Und was blende ich aus,
Nur weil's nicht passt?
Okay,
Das war jetzt etwas philosophisch.
Ich möchte jetzt nochmal ein bisschen praktischer werden mit einer Art zweiten Ebene.
Was ich noch an mir beobachte,
Ist eine Art Sicherheitszone.
Das ist in mir ein Bereich,
Der sich sicher und vertraut anfühlt.
Wenn ich so denke,
Fühle und auch nach außen mich verhalte,
Dann fühle ich mich sicher.
Ja,
So ist der Jan,
Wie ich mich selbst kenne und wie mich die anderen kennen.
Sobald ich mich aber aus dieser Zone heraus bewege,
Vielleicht mutiger werde,
Eine Grenze überschreite,
Meldet sich dann dieses Ziehen,
Von dem ich eben berichtet habe.
Lieber nicht,
Das fühlt sich ungewohnt an.
Und was ich inzwischen glaube,
Ist,
Das ist gar nicht mein heutiges Ich,
Das da spricht.
Ich glaube,
Das ist ein sehr viel älterer Reflex,
Ein Wächter,
Der irgendwann in mir eingebaut wurde,
Weil ich ihn in einer notvollen Episode meines Lebens mal gebraucht habe.
Er hat mal gute Arbeit geleistet,
Mich vor irgendeiner Enttäuschung bewahrt,
Die mir zu groß war damals.
Und seitdem meldet er sich,
Sobald ich mich in Richtung von etwas Neuem bewege.
Nicht,
Weil da gerade wirklich Gefahr wäre,
Sondern weil er das damals gelernt hat und seitdem einfach weitermacht.
Zuverlässig wie so ein Rauchmelder,
Der auch beim Toastbrot losgeht.
Und das ist überhaupt kein Zeichen von Schwäche,
Sondern die Konstruktion von unserem Nervensystem.
Unser Nervensystem kennt im Grunde nur eine Handvoll Antworten auf Bedrohungen.
Kämpfen,
Weglaufen,
Erstarren oder sich klein machen und alles richtig machen,
Damit die Gefahr vorüberzieht.
Und jeder von uns hat sich früh eine davon zugelegt.
Meist die,
Die in unserer Familie am besten funktioniert hat.
Und diese automatische innere Reaktion ist dann nicht einfach verschwunden,
Wenn ich größer werde.
Sie sitzt tief im Körper.
Und sie meldet sich noch heute,
Auch wenn die eigentliche Gefahr von damals längst vorbei ist.
Das ist übrigens ein Grund,
Warum sich Mut manchmal so seltsam anfühlt.
Ich erwarte,
Dass sich das Richtige auch richtig anfühlt.
Tut es aber oft nicht.
Es fühlt sich erstmal wie Alarm an,
Wie eine alte,
Vertraute Enge im Bauch.
Aber das muss keine Warnung vor echter Gefahr sein.
Es kann sehr gut sein,
Dass das der alte Wächter ist.
Dennoch nicht mitbekommen hat,
Dass ich längst kein Kind mehr bin,
Das geschützt werden muss.
Rilke,
Also der Dichter,
Hat mal geschrieben,
Erlebe sein Leben in wachsenden Ringen.
Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
Die sich über die Dinge ziehen.
Und ich finde,
Das trifft ziemlich genau,
Was hier passiert.
Ein Ring wird nicht größer,
Indem ich innerhalb der alten Grenze bleibe.
Er wird größer,
Wenn ich drüber hinausgehe.
Mit dem Wächter im Schlepptau,
Der dabei laut hört in der Regel.
Ich frage mich seit einer Weile,
Woher nehme ich eigentlich den Mut für das wirklich Gefährliche?
Und ich glaube,
Die Antwort hat weniger mit Mut im klassischen Sinn zu tun,
Mehr mit einer Bereitschaft.
Der Bereitschaft,
Den Alarm mal mitlaufen zu lassen,
Die Angst,
Das schlechte Gewissen,
Das Gefühl,
Vielleicht grad was Verbotenes zu tun,
Hohoho.
Natürlich braucht es auch Unterscheidungsvermögen,
Aber eben auch Mut.
Die Bereitschaft,
Unangenehme Gefühle auszuhalten,
Während ich trotzdem in die Richtung gehe,
Die mir wichtig ist.
Das ist ein Gedanke,
Der mir aus der Verhaltenstherapie sehr nahe ist.
Es geht nicht darum,
Die Angst erst loszuwerden,
Bevor ich handle,
Sondern bereit zu sein,
Sie zu fühlen und trotzdem den Schritt zu machen.
Ich glaub,
Echte Reifung sieht genau so aus.
Nicht erst den Wächter zum Schweigen zu bringen und dann losgehen,
Eher umgekehrt.
Ich werde mutig,
Indem ich lerne,
Mit dem alten Alarm im Bauch trotzdem loszugehen.
Und genau das lässt sich nur wagen,
Wenn irgendwo in mir etwas trägt,
Das eben nicht der Wächter ist.
Nicht die alte Rolle oder gewohnte Reaktion.
Sondern das,
Was übrig bleibt,
Wenn ich beides für einen Moment loslasse.
Diese Essenz,
Von der ich vorhin gesprochen habe.
Manche würden das vielleicht ein gesundes Ich nennen,
Das Gegenstück zu dem Wächter,
Der irgendwann Überhand genommen hat.
Ich nenne das jetzt einfach mal das,
Was bleibt,
Wenn der Wächter mal kurz verschnauft.
Die Sicherheitszone schützt vor Gefahr,
Indem sie klein bleibt.
Ein gereiftes Selbst geht ins Risiko?
Weil es gelernt hat,
Sich selbst dabei nicht zu verlieren.
Also.
Im Kontakt bleiben.
Und genau darum geht's.
In Awake Soul,
Nicht noch mehr Sicherheit finden,
Sondern eine Stabilität entwickeln,
Die stark genug ist,
Um trotzdem ins Ungewisse zu gehen.
Nicht die alte Form schützen.
Nicht den Wächter bekämpfen,
Sondern die Person dahinter kennenlernen,
Die längst bereit ist,
Größer zu werden.
Ab September starten wir wieder AWAKE SOUL.
Für sieben Wochen gehen wir da sehr tief ins Thema.
Innere Reifung und Identitätsarbeit.
Alles findest du unter Jan von Wille.
Ich hoffe,
Diese Gedanken von heute haben etwas Gutes,
Inspirierendes in dir ausgelöst.
Leite den Podcast gern an andere Leute weiter und Wir hören uns dann bei der nächsten Folge.
Dein Jan
Treffen Sie Ihren Lehrer
