
Du Wirst Getriggert? Gut so! So Wächst Dein Nervensystem.
Egal wie reflektiert wir sind – unser Nervensystem bleibt eine sensible Drama-Queen. Aber inzwischen beobachte ich etwas Neues: Wir haben gelernt, sensibel zu sein – und sind dabei in eine neue Form der Vermeidung gerutscht. Die Wellness-Burg mit Zugbrücke. Grenzen ziehen als Dauerzustand. Jede Spannung sofort wegregulieren. Schonung fühlt sich nach Fürsorge an. Für dein Nervensystem ist sie oft das Gegenteil. Ein Nervensystem wächst nicht durch Schutz. Es wächst durch Erfahrung. Meine Erfahrungen damit in dieser Podcastfolge....
Transkription
Hey,
Heute geht's um ein sensibles Thema,
Doppelt sensibel sogar.
Zum einen,
Was ich inzwischen mit meinen 62 Jahren gemerkt habe,
Egal wie reflektiert oder durchtherapiert wir uns fühlen,
Nervensysteme bleiben empfindliche kleine Drama-Queens.
Das macht sie auch so sympathisch.
Zweitens,
Es ist persönlich.
Was ich sage,
Ist meine Beobachtung.
Diesmal kann es also ein klein bisschen unbequem werden,
Und wenn Du zwischendurch ein inneres Mhhh spürst,
Bleib dabei,
Denn genau da wird's sehr oft spannend.
Also,
Ich komme ja aus einer Zeit,
Da hieß es noch,
Indianer kennen keinen Schmerz.
Was ich früh gelernt habe,
Ist,
Schmerz aushalten,
Durchhalten,
Weitermachen.
Und das hatte auch seine Stärken.
Aber Schmerzen und innere Grenzen erstmal wahrnehmen und vielleicht sogar in eine Therapie gehen,
Uiuiui,
Das war ungefähr so cool wie mit Socken in Sandalen zum Abschlussball zu gehen.
Deshalb,
Also,
Weil das vor 30,
40 Jahren noch so üblich war,
Habe ich ziemlich lang gebraucht,
Um überhaupt wieder in meinen Körper anzukommen.
Also wirklich ankommen.
Nicht nur theoretisch wissen,
Wo mein Herz schlägt,
Sondern es zu fühlen.
Einen empfindenden Körper zu entwickeln,
Wie ich das oft sage.
Und ich erinnere mich an diese Momente,
In denen ich superschnell getriggert worden bin.
Die Drama-Queen.
Das waren bestimmte Themen,
Bei denen ich äußerlich erwachsen und vielleicht auch professionell erscheinen konnte,
Aber mein Körper reagierte,
Als wäre ich aus der Herde ausgestoßen worden.
Und das ist kein Zufall.
Unser Nervensystem kennt dieses Gefühl nur zu gut.
Denn in unserer evolutionären Geschichte bedeutete Isolation nicht einfach nur Einsamkeit.
Allein zu sein hieß kein Schutz,
Keine Nahrung,
Keine Chance zu überleben.
Also reagierte mein Körper auf eine einfache Diskussion,
Als ginge es ums Überleben.
Mein Nervensystem war noch mit einer alten Geschichte verbunden,
Während der andere einfach nur diskutieren wollte.
Das ist Trauma- erzählt,
Obwohl die Gegenwart längst weitergezogen ist.
Deshalb ist das Nervensystem für mich nicht nur wie eine alte Drama-Queen,
Sondern auch,
Im Bild gesprochen,
Wie ein sehr alter Rauchmelder.
Er kann auf angebranntes Toast reagieren,
Wie auf einen ganzen Hausbrand.
Für mein Nervensystem das damals keinen Unterschied.
Es reagierte einfach.
Und irgendwann habe ich verstanden,
Genau in diesem Wiederspüren liegt etwas Wertvolles verborgen,
Wie ein vergrabener Schatz.
Denn diese Reaktionen meines Nervensystems waren kein Fehler,
Sie waren Hinweise,
Spuren einer alten Geschichte,
Die mein Körper noch in sich trug.
Und genau deshalb arbeite ich heute so viel mit dem Nervensystem.
Aber,
Jetzt kommt das große Aber,
Inzwischen beobachte ich etwas Neues.
Wir haben gelernt,
Sensibel zu sein und sind dabei teilweise in eine neue Form von Vermeidung gerutscht.
Du sitzt beim Abendessen.
Gute Stimmung,
Kerzen,
Pizza,
Das Gespräch plätschert so dahin,
Und dann fragt plötzlich jemand,
Sag mal,
Was hältst du eigentlich von XY?
Und jemand am Tisch sagt sofort,
Stopp,
Das triggert mich gerade.
Ich muss meine Energie schützen.
Oder,
Ich lese keine Nachrichten mehr,
Das senkt meine Stimmung.
Also verstehe mich nicht falsch,
Es gibt Phasen in unserem Leben,
Da ist Abstand halten überlebenswichtig.
Wir ziehen da unsere Grenzen besonders deutlich.
Aber wenn wir dauerhaft alles Unbequeme ausblenden,
Dann bauen wir uns eine Wellnessburg mit Zugbrücke.
Und unser Nervensystem sitzt in dieser Burg wie ein Wachhund,
Der schon bei vorbeifliegenden Tauben Alarm schlägt.
Und irgendwann verteidigen wir uns nicht mehr vor Gefahr,
Sondern vor dem Leben.
Unser Nervensystem hat dafür sogar einen eigenen Mechanismus.
Man nennt ihn Neurozeption.
Das ist so etwas wie ein unbewusster Sicherheitsscanner in uns.
Er prüft ständig,
Ist es sicher oder nicht.
Und wenn wir uns angewöhnen,
Jedes Unbehagen zu vermeiden,
Bestimmte Themen auszublenden,
Jede Spannung sofort regulieren zu wollen,
Dann trainieren wir diesen inneren Scanner auf eines,
Gefahr.
Bei allem,
Was nicht sanft,
Sicher und zustimmend klingt.
Von außen sieht das vielleicht aus wie Achtsamkeit,
Innen ist es aber manchmal einfach eine Form der Erstarrung.
Ich habe noch ein Bild für unser Nervensystem,
Das ihr helfen kann.
Unser Nervensystem ist kein Lichtschalter,
Es ist eher wie ein Mischpult.
Es gibt nicht nur an oder aus,
Sondern da gibt es viele feine Regler.
Und wir wollen in diesen Bereich kommen,
In dem wir weder erstarren noch explodieren,
Sondern präsent bleiben.
Wie ein Baum im Wind,
Beweglich,
Verwurzelt,
Lebendig.
Aber diese Fähigkeit entsteht nicht durch Schonung.
Stell dir vor,
Du willst einen Marathon laufen und dein Trainingsplan besteht aus drei Monaten konsequentem Sofa-Liegen.
Ich schone meine Beine.
Du kannst dir vorstellen,
Wie das ausgeht.
Ein Muskel wächst nicht durch Schonung,
Er wächst durch Belastung und durch Pause,
Spannung,
Erholung,
Kleine Risse und dann Reparatur.
So entsteht körperliche Kraft.
Und genau so wächst auch die Kapazität deines Nervensystems.
Wenn du bei jedem Konflikt den Rückwärtsgang einlegst,
Sendest du deinem System eine Botschaft.
Das ist zu viel für uns.
Und dein Nervensystem antwortet,
Verstanden,
Risiko wird minimiert,
Begegnungen runterfahren,
Reizschwelle senken.
Und so schrumpft deine innere Kapazität.
Nicht dramatisch,
Sondern einfach so still vor sich hin.
Bis irgendwann ein genervter Blick an der Supermarktkasse reicht und in dir ein ganzer Film losgeht.
Ablehnung,
Angriff,
Gefahr.
Dabei hatte die Kassiererin vielleicht einfach nur einen langen Tag.
Dieses Spannungsfeld nennt man das Fenster der Toleranz.
Ich nenne es manchmal deine emotionale Zimmergröße.
Ist dein innerer Raum groß,
Können Gefühle hereinkommen,
Sich kurz setzen,
Vielleicht einen Tee trinken und dann wieder gehen.
Ist der Raum winzig,
Stößt jedes Gefühl sofort gegen die Wände und schreit,
Hier ist kein Platz.
Und wer sich ständig schont,
Vergrößert diesen Raum nicht.
Er macht ihn kleiner.
Die meisten Menschen wollen kein Leben in der Abstellkammer.
Sie wollen vielleicht ein Loft mit hohen Decken.
Und solche Decken entstehen nicht durch Vermeidung,
Sondern durch tragende Wände.
Und hier kommt mein Lieblingsbegriff,
Antifragilität.
Resilienz heißt,
Du wirst geboxt,
Fällst um,
Stehst wieder auf und bist ungefähr wieder wie vorher.
Antifragilität heißt,
Du wirst geboxt und wirst stärker dadurch.
Knochen verdichten sich unter Belastung,
Immunsysteme lernen durch Keime,
Muskeln wachsen durch Widerstand und Nervensysteme auch.
Wenn wir Kindern oder uns selbst beibringen,
Dass jede Spannung potenziell retraumatisierend ist,
Dann erziehen wir Pusteblumenmenschen.
Leicht,
Zart,
Schön anzusehen,
Aber beim ersten kräftigen Atemzug des Lebens fliegen sie auseinander.
In meiner eigenen Trauma-Arbeit habe ich irgendwann angefangen,
Nachrichten bewusst zu lesen.
Nicht so doomscrollend um Mitternacht,
Sondern morgens,
Mit beiden Füßen am Boden,
Danach summen,
Eisbaden,
Vielleicht eine Runde um den Block.
Dunkelheit anschauen und regulieren.
Das ist kein Heldentum,
Das ist ein bestimmtes Training.
Und genau darum geht es auch bei AwakeBody.
Nicht um Selbstoptimierung und auch nicht darum,
Jede Spannung sofort wegzuatmen,
Sondern darum,
Dein Nervensystem Schritt für Schritt wieder an das Leben zu gewöhnen.
Mit körperorientierten Übungen,
Mit Bewegung,
Mit Regulation und mit kleinen sicheren Dosen von Herausforderungen.
Denn ein Nervensystem wächst nicht im Schonmodus,
Es wächst durch Erfahrung.
AwakeBody ist im Grunde ein Trainingsraum dafür,
Ein Ort,
An dem Dein System lernen kann,
Spannung zu halten,
Ohne zu kollabieren und Lebendigkeit zu spüren,
Ohne überwältigt zu werden.
Ich wünsche Dir ein gutes Leben.
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