
Der Riese
Diese Kindergeschichte ist von einer griechischen Sage abgeleitet. Sie behandelt die Freundschaft zwischen Menschen und Riesen und wie diese ihren Ursprung nahm. Ein blinder Riese setzt sich einen Buben auf die Schultern, der ihn durch die Welt führen soll. Als sich der Bub verliebt, ist der Riese plötzlich auf sich alleine gestellt. Ein magisches Kindermärchen zum einschlafen, träumen oder einfach so anhören.
Transkription
Der Riese Es war einmal ein Riese,
Der war so groß,
Dass er bis weit in den Himmel ragte.
Seine Augen waren bereits von der Sonne erblindet,
Und so musste er hören,
Wo es ihn hintrug.
War er in den Wäldern,
So war er stets begleitet von den Rufen des Kuckucks,
Vom Rauschen des Windes in den Blättern,
Vom Gesang der Vögel und dem knisternden Treiben der Insekten.
War er am Meer,
So vernahm er den rhythmischen Schlag der Wellen,
Das Kreischen der Möwen oder das Rattern eines nahen Dampfers.
War er in der Wüste,
So hörte er die Stille,
Die ihm die Sonne ins Herz brannte.
Eines Tages folgte der Riese einem lauten Hämmern,
Das ihn zu einer Schmiede führte.
Drinnen schallte der Schmied seinen Leerbuben,
Der ihm einen Streich gespielt hatte.
Der Riese schmunzelte über die Untat.
Jeden Tag saß er dort am Fenster der Schmiede und horchte dem Buben zu,
Wie er ein Liedchen pfiff,
Den Hammer schwang,
Die Schwerter ausprobierte und dafür jede Menge harter Worte von seinem Meister erntete.
Der Riese verliebte sich in die Stimme des Buben,
Die so rein und unschuldig klang und sich so wortgewandt gegen seinen Meister richtete.
Als der Meister einmal die Hand gegen den Buben erhob,
Um ihn wegen eines Fehlers zu strafen,
Da griff der Riese durch das Fenster und stahl den Leerbuben.
»Sei mir mein Augenlicht,
Denn ich bin blind«,
Bat ihn der Riese,
Und der Bub willigte ein.
Abenteuerlust trieb ihn,
Und er ließ es sich gefallen,
Auf den Schultern des Riesen durch die Welt zu wandeln.
In Afrika sah der Knabe zum ersten Mal die wilden Tiere der Savanne,
Spürte in Südamerika den festen Monsunregen und bestaunte in Asien das Fest der Kirschblüte.
Er sprach,
Was sein Auge zu sehen vermochte,
Und ließ seinen Riesen daran teilhaben.
Abends erzählte er ihm Geschichten,
Und wenn sie unterwegs waren,
Pfiff er die fröhlichsten Lieder.
Doch aus dem Buben wurde bald ein Mann,
Und als sie sich zu Rast an einem Fluss niederließen,
Da erblickte der Jüngling ein Mädchen von goldener Haut,
Das ihm mit seinen Mandelaugen entgegenfunkelte.
Er verliebte sich in den Gang des Mädchens,
Und als der Riese wieder aufbrechen wollte,
Da bat er ihn.
»Lieber Riese,
Der Fluss rauscht mir die schweren Gedanken fort,
Lass uns doch noch ein wenig bleiben!
« Der Riese willigte ein,
Und sie blieben,
Bis die Sonne sich einmal um sie gedreht hatte.
In der Nacht,
Wenn der Riese schlief,
Stahl sich der Jüngling davon,
Um das Mädchen zu besuchen.
Doch als sie am nächsten Morgen aufbrechen wollten,
Da meinte der Jüngling,
»Lieber Riese,
Ich habe mir gestern am Fluss meinen Ring verloren,
Gib mir noch einen Tag,
Um ihn zu suchen!
« Der Riese war gutmütig,
Also willigte er ein.
Der Riese war gutmütig,
Also willigte er ein.
Aber als er am nächsten Morgen jammerte,
Er habe sich gestern am Fluss erkältet und müsse rasten,
Da wurde der Riese zornig.
»Es ist in Ordnung,
Einen Tag zu bleiben,
Der Schönheit wegen.
Es ist in Ordnung,
Deinen Ring einen weiteren Tag zu suchen.
Doch ich kann hören,
Du bist nicht erkältet.
Was hält dich also hier?
« Da sprach der Jüngling schweren Herzens von dem Mädchen,
In dessen Gang er sich verliebt hatte,
Und der Riese verstand ihn und musste seinen Knaben gehen lassen,
Der das Mädchen für sich gewann und heiratete.
Ein Jahr lang ging der Riese immer geradeaus,
Bis er wieder bei der Hütte des Liebespaares ankam.
Aus dem Jüngling war ein starker Mann geworden,
Und er hatte sich seine eigene Schmiede gebaut.
Das Mädchen fing jeden Tag genügend Fisch,
Und der Riese sah,
Dass sie es sehr gut hatten und glücklich waren.
Der Mann ließ ein großes Fest für seinen Riesen feiern,
Und so machten sie es von nun an jedes Jahr.
Ein Jahr lang wandelte der Riese über die Erde,
Bis er wieder bei der Hütte angelangt war,
Und jedes Jahr sah er etwas Neues.
Im einen Jahr war der Bauch des Mädchens groß und prall geworden,
Im nächsten Jahr spielte bereits ein kleines Mädchen im Garten.
Im Jahr darauf musste er die kleine Hütte ein stattliches Haus nennen,
Und so ging es weiter.
Bei seinem Gang über die Erde stolperte der Riese eines Tages über ein Gebirge,
Das unter ihm kauerte.
»Heeeh!
« murmelte das Gebirge,
Und als er sich umwandte,
Bemerkte er,
Dass er über eine Riesin gestolpert war,
Die sich gerade ein paar Bäume für den Salat rupfte.
Die beiden erkannten einander und gingen von nun an gemeinsam.
Nun hatte er wieder zwei Augen,
Die ihn führten,
Und die Riesin hatte einen Gefährten,
Der mit ihr schweigen konnte.
Diese zwei Riesen waren die letzten ihrer Art,
Und als sie starben,
Wurden ihre Überreste zu Bergen.
Das sind die heutigen Alpen,
Und wenn sich jemand an ihre Knochen lehnt oder durch ihre Rippen wandert,
Dann fühlt er die Freundschaft zwischen Mensch und Riese,
Die der Jüngling mit seinem großen Gefährten begründet hatte.
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