
Umgang mit Angst und Unsicherheiten zu Zeiten von Corona
Wir sind in unsicheren Zeiten, für viele mehr denn je. Was in unserem Gehirn vor sich geht und wie wir mit der Angst und der Unsicherheit umgehen, darum geht es in diesem Talk. Zum Ende leite ich eine Meditation an.
Transkription
Der Corona-Virus löst eine Ausnahmesituation aus,
Die Menschen werden angewiesen daheim zu bleiben und sich weitgehend sozial zu distanzieren,
Denn es geht um Menschenleben.
Das ist einer der seltenen und einschneidenden Momente,
Der das Leben trennt in die Zeit vor der Pandemie und die Zeit nach der Pandemie,
Ähnlich wie die Geburt des ersten Kindes.
In vielen von uns wird Angst oder auch Panik ausgelöst,
Etwas,
Das die meisten von uns im Westen so noch nicht erlebt haben.
Wir in Deutschland und in vielen anderen westlichen Ländern sind weitgehend verschont von Krieg und extremer Armut,
Sogar Naturkatastrophen treffen uns seltener.
Und nun spüren auch wir diese drohende Gefahr.
Der ein oder andere ist vielleicht paralysiert vor Angst und Panik und dadurch gar nicht mehr handlungsfähig.
Andere bewältigen die Situation,
Indem sie verdrängen oder beschwichtigen.
Diese Ereignisse zeigen uns,
Wie verletzlich wir sind als Menschen,
Das waren wir schon immer,
Es ist Teil des menschlichen Daseins,
Doch wir verdrängen das gewöhnlich.
Aber die Menschheit hat schon viele Katastrophen erlebt,
Unsere Vorfahren haben schon viel überstanden,
Wir wissen,
Wie es geht,
Wir Menschen sind eine Spezies,
Die überlebt hat.
Die Frage ist,
Wie werden wir überleben,
Was bleibt,
Wenn Corona überstanden ist,
Und wie gehen wir durch diese schwierige Zeit?
Diese Zeit,
Die Zeit der Krise,
Ist immer auch eine große Chance zur Weiterentwicklung,
Vor allem jetzt,
Wo wir aufgefordert werden,
In den Rückzug zu gehen,
Zu reflektieren.
Wir können den Fokus wieder darauf richten,
Was wirklich wichtig ist,
Indem wir bewusst sind,
In Zeiten der Unsicherheit.
Doch was machen mit der Angst und mit der Sorge,
Die uns in dieser Zeit begleitet?
Wir wissen,
Dass der Virus und die Zeit danach die Verletzlichsten unserer Gesellschaft treffen wird,
Die Risikogruppen.
Diese Vorstellung,
Dass ein geliebter Mensch im Krankenhaus qualvoll stirbt,
Einsam,
Allein.
Angst ist wahrscheinlich eins der ältesten Gefühle,
Das weit in unsere Evolutionsgeschichte zurückgeht.
Es hat unser Überleben gesichert und ist der Grund dafür,
Dass wir als Menschen heute noch da sind.
Wäre heute in dem Geschehen nicht auch Angst im Spiel,
Dann würde kaum jemand seine täglichen Gewohnheiten so drastisch ändern können.
Angst motiviert uns zum Handeln und es ist ein wichtiger Berater.
Angst ist also nichts Schlechtes,
Dass wir loswerden sollten,
Vielmehr ist Angst der Beschützer der Natur,
Also auch unserer menschlichen Natur.
Die Angst,
So wie jedes Gefühl,
Trägt eine Intelligenz in sich,
Die unserem kognitiven System nicht zur Verfügung steht.
Wir können es nicht denken.
Es ist also durchaus eine Bereicherung,
Wenn wir die Angst mit einbeziehen,
Wenn wir ihr zuhören.
Problematisch wird es,
Wenn die Angst das Steuer übernommen hat,
Denn dann sind wir neurologisch gesehen im Überlebensprogramm oder auch im Kampf- oder Fluchtmodus.
Wir haben dann keinen Zugriff auf die weiterentwickelten Teile unseres Gehirns,
Das uns ermöglicht,
Wirklich strategisch zu denken,
Effektiv zu kommunizieren und auch Freude und Mitgefühl zu empfinden,
Das abwägt und zu guten Lösungen führt.
Wenn wir unser Gehirn ganz stark vereinfacht betrachten,
In zwei Teile separieren,
Also einmal das weiterentwickelte Gehirn,
Welches uns von den Tieren unterscheidet und welches sich seiner selbst bewusst ist,
Das kann kein Tier,
Und das Überlebensgehirn,
Das für die basalen Funktionen verantwortlich ist,
Wie den Atem,
Herzschlag,
Hunger und Fortpflanzung.
Dieser Teil schlägt regelmäßig Alarm bei Gefahren.
Damit wir schnell reagieren können,
Schaltet es das weiterentwickelte Gehirn aus,
Denn das ist viel zu langsam und verbraucht auch viel zu viel Energie.
Die Energie,
Die wir für unseren Kampf benötigen.
Wenn wir beispielsweise ein Kind sehen,
Das über die Straße vor ein Auto läuft,
Dann können wir nicht erst darüber nachdenken,
Wie schnell ist das Auto,
Schafft es das Kind wohl noch über die Straße oder nicht.
Wir müssen schnell handeln und das Kind in Sicherheit bringen.
Dabei wird eben das weiterentwickelte Gehirn einfach ausgeschaltet.
Es gibt auch diese Geschichten von Müttern,
Die in Gefahrensituationen plötzlich so viel Kraft aufbringen,
Dass sie ein ganzes Auto hochstemmen können,
Wenn ihr Kind darunter liegt und sie es befreien möchten.
Das ist für eine akute Gefahrensituation wirklich weise,
Wenn wir unser weiterentwickeltes Gehirn ausschalten.
Doch häufig klemmt dieser Schalter.
In der Tierwelt ist das etwas anders.
Wenn ein Zebra beispielsweise von einem Löwen gejagt wird,
Kommt es auch in diese Flucht- oder Kampfreaktion.
Sie laufen davon und sobald die Situation überstanden ist,
Grasen sie wieder friedlich.
Wir Menschen kriegen das oft nicht so gut hin,
Oder meistens sogar.
Wir bleiben in der Anspannung und Angst weit über die akute Gefahrensituation hinaus,
Wenn es denn überhaupt eine akute Gefahrensituation gab.
Wir haben dann auch keinen Zugriff mehr auf unsere innere Weisheit.
Die Geschichte von Thich Nhat Han und dem Flüchtlingsboot.
Wenn während einem Sturm oder wenn Piraten das Boot angriffen,
Die Leute auf dem Boot in Panik gerieten,
War das ganze Boot verloren.
Aber wenn nur eine Person wach und klar war,
Reichte das,
Um den anderen den Weg zu zeigen.
Wie können wir das Gleichgewicht wiederherstellen,
Sodass unsere Weisheit am Steuer sitzt und die Angst nur der Beifahrer ist?
Zuerst ist es wichtig zu prüfen,
Wo wir innerhalb unseres Toleranzfensters stehen,
Also wie hoch unsere emotionale Intensität der Angst ist.
Wenn sie besonders stark ist,
Dann ist es wichtig,
Erst mal unser sympathisches Nervensystem zu beruhigen.
Das ist der Teil des vegetativen Nervensystems,
Der dafür zuständig ist,
Dass unser Körper auf Belastung und Gefahr reagieren kann,
Und der Teil bereitet unseren Körper auf körperliche und geistige Höchstleistungen vor,
Wie wir sie zum Beispiel für Kampf und Flucht brauchen.
Es bringt nichts,
Wenn wir bei dieser Intensität versuchen,
Die Intelligenz des Gefühls zu befragen,
Da sie uns überschwemmt und auch unser Denken in die Geiselnahme mit einbezieht.
Wir erkennen das daran,
Dass wir in einer Geschichte leben,
In einer virtuellen Realität.
Vielleicht lesen wir obsessiv Nachrichten,
Grübeln,
Als ob,
Wenn wir das Problem zum 50.
Mal durchgedacht haben,
Uns endlich eine Lösung einfällt.
Hat das eigentlich schon mal geklappt?
Andere verdrängen oder tun,
Als ob es kein Problem gäbe,
Weil sie die emotionale Last nicht aushalten können.
Wieder andere versuchen,
Die Situation zu kontrollieren,
Zum Beispiel mit Klopapier kaufen oder anderen unsinnigen Maßnahmen.
Hier hat unser Überlebenssystem unser Denken gegeiselt.
Auch wenn es so scheint,
Hier haben wir keinen Zugriff auf unser weiterentwickeltes Gehirn.
Also wie können wir den Schalter umlegen?
Die Evolution entsteht durch Integration.
Wir haben alle diese Verhaltensweisen unserer Vorfahren in uns.
Wir können sie nicht loswerden.
Sie sind Teil von uns.
Vielmehr geht es darum,
Sie zu integrieren.
Also wir integrieren die Fähigkeiten,
Die Fähigkeiten des Bewusstseins,
Mit den Fähigkeiten des Atems,
Bewusstsein des Körpers,
Der Sinne,
Mit Freundlichkeit und Mitgefühl.
Und dann lassen wir entstehen,
Wir lassen passieren.
Es ist weniger ein aktives Tun,
Sondern ein Geschehen lassen.
Und was ist,
Wenn die Angst außerhalb unserer Toleranzgrenze ist?
Dazu gibt es einige Methoden.
Zum Beispiel eine Methode ist eben den Atembewusstwahrnehmen durch lange Atemzüge,
Also ein langes Einatmen und ein langes Ausatmen bis 5 zählen und so die Atemzüge angleichen.
Wir können auch Gegenstände im Raum benennen,
Da ist ein Tisch,
Eine Vase,
Den Fußboden spüren,
Den Stuhl,
Die Unterlage,
Also wir kommen zurück aus unserer virtuellen Realität in unserem Kopf in das,
Was hier und jetzt passiert.
Vielen Menschen hilft es auch sich zu bewegen,
Sich zum Beispiel zu schütteln,
Die körperliche Spannung abzuschütteln.
Es gibt zum Beispiel auch Schüttelmeditationen.
Ähnlich machen es die Tiere.
Säugetiere schütteln sich instinktiv nach einer Stresssituation,
Sobald sie sich wieder in Sicherheit fühlen.
Sie versetzen dabei sämtliche Muskelgruppen in heftiges Zittern und Vibrieren,
Um auf diesem Wege starke Spannungen wieder abzubauen.
Darum zittern Menschen und Tiere zum Beispiel auch beim Stress.
Andere gehen in der Natur joggen oder spazieren.
Das kann alles helfen,
Um unser Nervensystem wieder zu beruhigen.
Wenn wir merken,
Dass unser Nervensystem ruhig genug ist,
Dann können wir wieder nach innen gehen und die folgende Übung machen.
Wir können in Zeiten der Krise nutzen,
Um weiter in die innere Stille zu kommen.
In unsere innere Stärke.
Auch oder vor allem in turbulenten Zeiten.
Jetzt,
Wo unsere Herzen offen sind und wir die Verletzlichkeit,
Diese menschliche Verletzlichkeit zulassen können.
Im Anschluss folgt eine Meditation inspiriert von Jack Kornfield,
Die uns hilft,
Uns wieder zu vergegenwärtigen,
Dass wir ein Teil der Natur sind.
Verletzlich,
Vergänglich und trotzdem widerstandsfähig,
Wie ein Baum.
Okay.
Schließe die Augen,
Wenn es angenehm ist und erlaube dir anzukommen in deinem Körper und in diesem Moment wahrnehmen,
Was da ist.
Vielleicht ist da Vibration,
Spannung,
Angst,
Vielleicht auch Entspannung oder Traurigkeit.
Und nimm wahr,
Wie dein Herz da ist.
Was ist da,
Was will sich dir zeigen,
Freundlich und einladend.
Du kannst alles da sein lassen,
Im unermesslich weiten Raum von wohlwollendem Bewusstsein.
Dieser freundliche,
Wohlwollende Raum,
Der all das halten kann und weiter und tiefer ist.
Erlaube dem Körper,
Den Raum auf dieser Erde wahrzunehmen.
Die Füße wahrnehmen,
Die Sitzfläche,
Die Berührungspunkte mit der Unterlage.
Und jetzt stell dir einen Baum vor,
Einen großen Baum,
Vielleicht einen Baum aus deiner Erinnerung oder einen aus deiner Vorstellung,
Ganz egal.
Und stell dir die Wurzeln,
Die sich durch den Boden strecken vor,
Die Baumkrone,
Die in den Himmel ragt.
Stell dir vor,
Wie du neben dem Baum stehst und sieh dir den mächtigen Stamm an,
Die Äste,
Die Rinde.
Dieser Baum hat viele Stürme,
Winde,
Jahreszeiten,
Winter,
Sommer erlebt.
Und wenn du den Baum nun so ansiehst,
Stell dir vor,
Dass auch du wie dieser Baum sein kannst.
Seine Wurzeln gehen tief in die Erde,
Durch Stein.
Und nun spüre,
Wie auch du tief in dieser Erde verwurzelt sein kannst,
Wie der Baum.
Durch deine Beine und Füße gehen Wurzeln aus der Erde,
Von der du stammst.
Und spüre,
Wie es ist,
So tief verwurzelt und fest zu sein.
Von dem Baum lernen.
Und wenn du so in dich spürst,
Fest verwurzelt,
Wandere mit deiner Aufmerksamkeit durch deinen Körper und lass all die Energien von Angst und Sorge,
Beunruhigung an dir runterfließen.
Wie Regen,
Der von der Rinde des Baumes rinnt und in Mutter Natur fließt,
Die all das halten kann.
Langsam runterwandern,
Von Kopf über die Arme,
Den Rumpf,
Die Beine,
Knie,
Alle Anspannung loslassen,
Alle Ängste und Sorgen loslassen und gib all das an die Erde zurück.
Und du bist wie die zeitlose beständige Energie des Baumes.
Und jetzt fühl auch in deine Äste,
Wie sie sich in die Weiden des Himmels ausbreiten.
Und fühle auch,
Wie sich der Baum mit jeder Jahreszeit erneuert.
Knospen im Frühling,
Wie sie sich öffnen und der Sonne entgegenstrecken.
Und im Sommer steht der Baum in seiner vollen Fülle,
Wie der Baum sich im Herbst von seinem Gewand befreit.
Auch im Winter ruht der Baum in sich.
Und fühle,
Dass du die Lebensenergie in dir hast,
In der unermesslichen Weite des Himmels.
Kannst die Winde und die Stürme überdauern und weißt,
Wie du dich selbst wiederherstellen kannst,
Wieder erneuern.
Wieder und wieder.
Du bist nun in der Erde verwurzelt,
Beständig und ruhig durch die Stürme,
An die Lebenskraft vertrauen,
Die durch dich durchfließt.
Du bist jetzt ein fester Teil der unermesslichen Weite des Himmels.
Nimm nun die Energie und Stärke mit,
Wenn du nun durch diese schwierigen Tage gehst.
Zum Abschluss noch ein Gedicht,
Lockdown,
Ja da ist Angst,
Ja da ist Isolation,
Ja da sind Panikeinkäufe,
Ja da ist sogar Tod,
Aber sie sagen,
Dass man in Wuhan nach so vielen Jahren des Lärms die Vögel singen hören kann,
Sie sagen,
Dass nach nur ein paar Wochen der Stille der Himmel nicht mehr im Dunst versinkt,
Sondern blau,
Grau und klar ist.
Sie sagen,
Dass die Leute in den Straßen von Assisi gemeinsam singen,
An leeren Plätzen,
An offenen Fenstern,
So dass die,
Die sich einsam fühlen,
Die Klänge der Familien um sich herum hören.
Sie sagen,
Dass ein Hotel in Westirland kostenlose Mahlzeiten an die,
Die ihr an ihr Haus gefesselt sind,
Liefern.
Heute war eine junge Frau,
Die ich kenne,
Damit beschäftigt,
Flyer mit ihrer Nummer in der Nachbarschaft zu verteilen,
Damit die Alten jemanden zum Anrufen haben.
Heute bereiten sich Kirchen,
Synagogen,
Moscheen und Tempel vor,
Um den Obdachlosen,
Kranken und Bedürftigen Obdach zu geben.
Auf der ganzen Welt ziehen sich Menschen zurück und reflektieren.
Auf der ganzen Welt sehen Menschen ihre Nachbarn mit neuen Augen.
Auf der ganzen Welt erwachen Menschen in eine neue Realität und erkennen,
Wie groß wir wirklich sind.
Wie wenig Kontrolle wir wirklich haben.
Was wirklich wichtig ist.
Liebe Richard Hendrick
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