
Warum Du Die Welt Durch Dein Nervensystem Fühlst
Warum berührt dieselbe Situation zwei Menschen so unterschiedlich? In dieser Folge geht es darum, dass unser Nervensystem nie neutral ist, sondern entlang unserer Erfahrungen gewachsen ist. Jeder Reiz trifft auf einen Körper, der längst gelernt hat, was sich sicher anfühlt – und was nicht. Deshalb reagieren wir nicht nur mit dem Kopf auf die Welt, sondern mit unserer ganzen inneren Geschichte. Eine Einladung, dich selbst mit mehr Verständnis zu sehen und die Sprache deines Nervensystems besser zu lesen.
Transkription
Hey,
Heute steige ich mal direkt in den Keller meiner dunklen Kindheitserinnerung ein.
Aber keine Angst,
Zum Schluss geht es gut aus.
Und ich mache das,
Weil ich weiß,
Jeder Mensch,
Du und ich,
Wir alle erleben neben den hellen,
Wunderbaren Momenten eben auch Abgründe im Leben.
Und beides prägt uns viel tiefer,
Als wir uns das meistens vorstellen können.
Also,
Bereit?
Ich war 4 Jahre alt,
Als meine Mutter starb.
Wir waren 5 Kinder,
Mein Vater war völlig überfordert,
Stürzte in eine Depression und so kamen wir ins Kinderheim.
Das heißt im Grunde,
Wir kamen ins Alleine-Sein.
Und als kleines Kind verstehst Du sowas ja nicht.
Du verstehst nicht,
Warum die Welt,
Die eben noch gehalten hat,
Auf einmal Löcher bekommt.
Du spürst nur im ganzen Körper,
Etwas Grundlegendes ist weg.
Und was damals in mir entstanden ist,
War nicht nur Trauer,
Es war vor allem ein entsetzliches Gefühl von Ohnmacht.
Ich glaube,
Ohnmacht war eine der Grundatmosphären meiner Kindheit.
Dieses Ausgeliefertsein und inneres Alleinsein.
Und viel später habe ich gemerkt,
Dass dadurch in mir etwas entstanden ist.
Da war ein Satz,
Den ich als Kind natürlich nie bewusst gedacht hätte,
Aber mein ganzes System hat ihn längst gelernt.
Ich muss es alleine schaffen.
Und das Verrückte ist ja,
So ein Satz fühlt sich lange gar nicht wie ein Problem an.
Es fühlt sich eher an wie Stärke,
Wie Charakter.
Also worauf ich stolz sein kann.
Nach dem Motto,
Ich bin eben jemand,
Der sich durchbeißt.
Ich komme schon alleine,
Klar.
Ich finde meinen Weg.
Heute sehe ich daran natürlich auch Kraft,
Aber nicht nur.
Da war eine alte Geschichte drin.
Eine Geschichte von Ohnmacht.
Und ein Nervensystem,
Das sehr früh gelernt hat,
Verlass Dich lieber auf Dich selbst.
Warte nicht darauf,
Dass jemand kommt.
Sei wach,
Sei stark,
Sei vorsichtig.
Und genau das ist heute mein Thema.
Die Kraft unserer biografischen Geschichte,
So sage ich das mal.
Und diesen zentralen Satz,
Unser Nervensystem ist nie neutral,
Der ist entscheidend.
Unser Nervensystem ist,
Im Bild gesprochen,
Kein sachlicher Beamter im Hintergrund,
Der die Ereignisse des Lebens ordentlich abstempelt und in die richtige Ablage sortiert.
Er ist unser Nervensystem wie ein alter Baum,
Der in seinen Ringen alles speichert,
Was er erlebt hat.
Gute Sommer,
Genauso wie harte Winter.
Und diese Jahresringe wachsen entlang unserer frühen Erfahrungen.
Unser Nervensystem wird also geprägt.
Und deshalb fühlen wir die Welt auch nie einfach nur objektiv oder nüchtern.
Jeder Reiz,
Den Du jetzt erlebst,
Trifft auf ein System,
Das längst eine Geschichte hat.
Das klingt vielleicht erstmal ein bisschen abstrakt,
Aber im Alltag wird das ganz konkret.
Zwei Menschen erleben zum Beispiel denselben Moment und innerlich geschieht etwas völlig unterschiedliches.
Der eine bekommt eine knappe Nachricht und denkt,
Ah,
Ok,
Der andere hat wohl gerade Stress.
Der andere liest dieselbe Nachricht und sofort wird der Bauch eng,
Der Atem flacher und im Kopf läuft ein ganzer Film los.
Habe ich was falsch gemacht?
Zieht sich da jemand zurück?
Bin ich wieder allein?
Von außen betrachtet ist das dieselbe Nachricht,
Von innen überhaupt nicht.
Denn Reize treffen eben nie auf ein neutrales Nervensystem,
Sie treffen auf Deine innere Landschaft.
Auf das,
Was Dein Körper mal über die Welt gelernt hat.
Vielleicht war die Grundatmosphäre Deiner Kindheit nicht Ohnmacht,
Sondern Enge.
Und dann wird Freiheit später oft zu einem ganz hohen Wert.
Oder Du hast viel Unberechenbarkeit erlebt.
Dann brauchst Du heute wahrscheinlich viel Klarheit,
Verlässlichkeit,
Struktur.
Oder Menschen,
Die viel emotionale Kälte erlebt haben.
Häufig reagieren diese Menschen dann besonders empfindlich auf Distanz.
Vielleicht hast Du viel Druck in Deiner frühen Kindheit erlebt.
Dann kann es sein,
Dass Leistung für Dich nicht einfach Leistung ist,
Sondern auch Selbstschutz.
Und der Klassiker ist Verlassenheit.
Das haben,
Meiner Erfahrung nach,
Sehr viele Menschen erlebt.
Und dann kann schon ein kurzer Rückzug eines anderen im Körper etwas aktivieren,
Das viel älter ist als der Moment selbst.
Und das meine ich ganz wörtlich,
Im Körper.
Nicht nur im Kopf.
Nicht nur als Erinnerung,
Sondern in Deinem Nervensystem.
In Deinem Atem.
Und Du fühlst es in der Muskelspannung.
In der Art,
Wie Du Nähe deutest.
In dem,
Was Du als sicher empfindest und was nicht.
Ein Kind denkt darüber ja nicht nach.
Es lebt einfach darin.
Es atmet die Atmosphäre seiner Kindheit ein wie Raumluft.
Und der Körper lernt daraus,
Wie die Welt ist.
Sicher oder nicht sicher.
Sind andere da oder nicht?
Darf ich weich sein oder muss ich mich zusammenreißen?
Darf ich mich anlehnen oder muss ich da alleine durch?
Später nennen wir das dann oft Persönlichkeit.
Ich bin eben so.
So unabhängig oder so empfindlich,
Schnell gereizt.
Ich kann nicht gut vertrauen.
Ich weiß nicht,
Welche Überzeugungen da in Dir gewachsen sind,
Aber oft liegt darunter eine alte Anpassung.
Eine ziemlich intelligente sogar.
Schutzmuster sind ja nicht dumm.
Im Gegenteil,
Sie sind oft geniale Antworten auf Situationen,
Die für ein Kind viel zu groß waren.
Ein Schutzmuster ist wie ein Regenschirm,
Den Du Dir in einem Sturm gebaut hast.
Das Problem ist nur,
Irgendwann trägst Du ihn auch noch bei Sonnenschein,
Im Wohnzimmer und manchmal sogar noch im Bett.
Und dann wunderst Du Dich,
Warum Dir alles so eng vorkommt.
Ich merke das bei meinem eigenen Satz,
Ich muss es alleine schaffen,
Sehr deutlich.
Der hat mich nicht nur belastet,
Er hat mir auch geholfen.
Er hat mich irgendwie stark gemacht und mich durch vieles durchgetragen.
Für mein damaliges System war dieser Satz sinnvoll,
Vielleicht sogar überlebenswichtig.
Deshalb halten sich solche Sätze auch so lange.
Sie sind nicht nur begrenzend,
Sondern geben auch Haltungsstruktur.
Sie sind wie ein altes Geländer in einem dunklen Treppenhaus.
Vielleicht wackeln sie inzwischen ein bisschen,
Aber man greift trotzdem immer wieder danach,
Weil man sich einmal an ihnen gerettet hat.
Nur irgendwann kippt das Ganze.
Und dann wird es interessant.
Dann wird aus Selbstständigkeit innere Isolation.
Dann merkst Du vielleicht,
Dass Du zwar nach außen stark wirkst,
Aber innerlich kaum noch weißt,
Wie sich echtes Anlehnen anfühlt.
Dann trägst Du alles alleine,
Denkst alles alleine durch und bundest Dich dann,
Irgendwann,
Weshalb Du trotz aller Stärke so erschöpft bist oder für andere so schwer erreichbar.
Ich glaube,
Viele Erwachsene leben mit solchen Schutzmustern und halten sie längst für ihr Wesen,
Für ihren Charakter.
Dabei sind sie oft viel mehr Ausdruck einer frühen Geschichte.
Und diese Geschichte ist nicht nur psychologisch interessant,
Sie ist körperlich wirksam.
Und das ist für mich der entscheidende Punkt.
Vielleicht kennst Du so einen Moment aus Deinem eigenen Leben.
Jemand schaut Dich komisch an,
Oder eine Nachricht bleibt aus,
Irgendeine Kritik kommt.
Für den einen ist das kaum der Rede wert,
Beim anderen schaltet das System sofort hoch.
Oder runter,
Je nach Muster.
Der eine wird laut,
Der andere zieht sich zurück,
Der nächste wird kalt.
Jemand anderes beginnt hektisch zu organisieren oder zu erklären.
Alles versuche mit innerer Spannung umzugehen.
Also Antworten eines Systems,
Das irgendwann mal gelernt hat,
Wie man überlebt.
Hört sich jetzt nicht so klasse an,
Aber ich finde das erstmal super entlastend.
Also diesen Zusammenhang zu verstehen.
In dem Moment höre ich nämlich auf,
Nicht sofort alles moralisch zu bewerten.
Also dieses schnelle Urteil,
Ich bin zu empfindlich oder zu kompliziert oder anstrengend.
Wenn Du einmal verstanden hast,
Dein und mein System reagiert einfach entlang seiner Geschichte,
Dann verändert das den Ton.
Dann ist da nicht nur ein Problem oder Herausforderung,
Sondern ein sehr spannender Zusammenhang.
Für mich beginnt genau da die innere Reifung,
Wo wir aufhören,
Uns nur besser im Griff haben zu wollen.
Ich muss dann nicht mehr jede Reaktion sofort korrigieren,
Sondern erstmal verstehen,
Woher sie kommt.
Und das ist wirklich der erste ganz große Schritt.
Und trotzdem reicht dieses Verstehen natürlich nicht aus.
Das ist ja die Stelle,
An der viele frustriert sind.
Sie haben schon viel erkannt,
Also kennen ihre Muster und wissen manchmal sogar sehr genau,
Was ihnen anspringt.
Und trotzdem passiert es immer wieder.
Derselbe Alarm oder dieselbe Schutzbewegung.
Genau an dieser Stelle merken wir,
Einsicht ist wichtig,
Aber sie kommt nicht immer dorthin,
Wo die eigentliche Ladung sitzt.
Denn vieles in uns ist nicht nur ein Gedanke.
Es ist Körper,
Erinnerung,
Also Energie,
Die auf der Zellebene abgespeichert ist.
Und diese Energie ist schon aktiv,
Bevor wir innerlich überhaupt einen klaren Satz formulieren können.
Deshalb interessiert mich Körperarbeit,
Also Methoden aus der Gestaltherapie so sehr,
Weil sie dort ansetzen,
Wo bloßes Nachdenken oft nicht mehr hinkommt.
Einer dieser Wege ist übrigens EMDR.
Vielleicht hast Du davon schon mal gehört.
Auch hier geht es nicht darum,
Mehr zu verstehen,
Sondern es geht um Verarbeitung.
Damit das,
Was da auf der Zellebene innerlich festhängt,
Wieder in Bewegung gebracht wird.
Manchmal ist das,
Als hätte sich im System eine alte Schallplatte in einer Rille festgefahren.
Das Lied springt dann immer wieder an derselben Stelle,
Obwohl das Leben längst weitergegangen ist.
Und EMDR kann helfen,
Diese innere Bewegung wieder ins Fließen zu bringen,
Damit das,
Was eigentlich vorbei ist,
Auch im Körper wirklich Vergangenheit werden kann.
Deshalb arbeite ich in AWAKE BODY mit einer interessanten Abwandlung von diesem Grundgedanken,
Also nicht 1 zu 1 EMDR,
Aber mit etwas,
Das in eine ähnliche Richtung geht.
Ich nutze bilaterale,
Auditive Reize über die Kopfhörer,
Also Impulse,
Die abwechselnd links und rechts kommen.
Und was mich daran überzeugt,
Ist gar nicht irgendein spektakulärer Effekt,
Sondern dass im Körper sich dadurch oft ein anderer Rhythmus einstellt.
Was lange sehr fest war,
Wird beweglicher.
Eine innere Verharkung kann sich langsam lockern.
Total spannend.
Das Nervensystem macht eine neue Erfahrung.
Heute ist nicht damals.
Ich bin nicht mehr in derselben Ohnmacht.
Ich bin nicht mehr auf dieselbe Weise ausgeliefert,
Und deshalb muss auch nicht automatisch dieselbe Schutzbewegung aktiviert werden.
In AWAKE BODY verbinde ich diese bilateralen Klänge mit Regulation und Körperwahrnehmung.
Und das bringt dann langsam das wachsende Gefühl von Sicherheit.
Ja,
Das sind schon spannende Zusammenhänge,
Oder?
Also der Körper kann auf diese Weise etwas nachholen,
Was der Kopf vielleicht längst verstanden hat.
Dass zum Beispiel irgendeine Spannung da sein darf,
Ohne dass Du sofort dicht machst oder zusammenfällst.
Oder dass ein Rückzug des Anderen nicht automatisch wieder das alte Verlassenheitsgefühl lostreten muss.
Oder wie bei mir,
Ist dieser alte Satz »Ich muss es alleine schaffen« langsam etwas von seiner Macht verliert.
Inzwischen glaube ich aber auch,
Dass solche ganz frühen Prägungen niemals ganz weggehen.
Das wäre fast seltsam.
Manche dieser inneren Sätze nehmen wir wahrscheinlich mit ins Grab.
Der große,
Entscheidende Unterschied ist aber,
Sie reagieren uns nicht mehr so unbemerkt wie früher.
Ich merke sie heute viel,
Viel schneller.
Und ich kann anders darauf reagieren.
Also ich folge ihnen nicht mehr automatisch.
Und deshalb haben sie nicht mehr diese Macht über mich.
Sie gehen nicht ganz weg.
Wäre ja auch langweilig.
Aber sie wirken anders.
Und genau das macht den Unterschied.
Vielleicht hast Du jetzt beim Hören einen alten inneren Satz wiedererkannt.
Und kannst erkennen,
Dass Du ihn nicht wie Sperrmüll loswerden musst.
Du kannst ihn innerlich hören und sagen,
Ah,
Da bist Du wieder.
Aber Du reagierst nicht mehr das ganze Haus.
Also Dein Lebenshaus.
Unser Körper kann lernen.
Ich wünsche Dir,
Dass in Deinem inneren Haus mit der Zeit mehr Licht angeht.
Und natürlich ein gutes Leben.
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