
Körper - Beziehung - Wirkung
by Jürgen Noll
Individualität und Einzigartigkeit machen Menschen zu etwas Besonderem. Doch diese Eigenschaften müssen auch persönlich erfahrbar sein, um zum Wachstum beitragen zu können. In Anlehnung an Wilhard Becker geht dieser Vortrag der Frage nach, wie das Selbst durch den Körper, in zwischenmenschlichen Beziehungen und durch die eigene Wirkung in der Außenwelt spürbar wird.
Transkription
Eine zentrale Frage unseres Menschseins ist die Frage nach der Individualität.
Wer ist das,
Der da sagt,
Ich bin?
Was ist das Besondere an mir im Vergleich zu anderen?
Was macht meine Person aus?
Das Bewusstsein der Einmaligkeit und Originalität reicht nicht aus,
Es muss auch für mein Fühlen erlebbar und fassbar sein.
Aus den vielen Bereichen,
Die in einzigartiger Weise zu jeder Person gehören,
Sollen hier drei näher betrachtet werden.
Der Körper,
Die Beziehungen und die Wirkung nach außen.
1.
Ich bin mein Körper Diese Formulierung ist für viele wahrscheinlich ungewöhnlich.
Normalerweise sprechen wir davon,
Dass wir einen Körper haben.
Etwas,
Das ich habe,
Besitze ich,
Darüber verfüge ich.
Von dem,
Was ich habe,
Kann ich mich aber auch distanzieren.
Tatsächlich sind Denken und Fühlen aber nicht von meinem Körper zu trennen,
Weil alles seelische Erleben auch im Körper seinen Niederschlag findet.
Ich spüre meine Gefühle und meine inneren Störungen auch körperlich.
Wir sagen dann,
Ich habe die Nase voll,
Mir liegt etwas im Magen,
Es schnürt mir die Kehle zu,
Es geht mir unter die Haut usw.
Ebenso steht mein Denken in engem Zusammenhang mit meinem Körper.
Müdigkeit und Schmerzen z.
B.
Wirken sich auch auf mein Denkvermögen aus.
Schon ein kräftiger Schnupfen beeinträchtigt meine Stimmung und meine geistigen Fähigkeiten.
Das Zusammenspiel von Körper,
Seele und Geist wird immer deutlicher gesehen und auch teilweise in der Medizin berücksichtigt.
Für den Menschen,
Der sich selbst besser verstehen will,
Ist es wichtig,
Die Bedeutung der eigenen Körperlichkeit zu reflektieren.
Welche Rolle spielte mein Körper mit seinen Möglichkeiten und Schwächen in meinem bisherigen Leben?
Habe ich durch eine positive Einstellung zu meinem Körper ein stabiles Selbstvertrauen gewonnen?
Oder habe ich mich körperlich meist unansehnlich schwach oder unterlegen gefühlt?
Dann hat wahrscheinlich mein Wertgefühl darunter gelitten.
Mein Körper hat einen wichtigen Anteil an der Entwicklung meiner Persönlichkeit und meines Wertgefühls.
Ich kann eine negative Einstellung in der Vergangenheit nicht ungeschehen machen.
Es besteht aber die Möglichkeit,
Diese Einstellung jetzt zu korrigieren.
Beim Erinnern der belastenden Erlebnisse und der daraus entstandenen Komplexe kann mir bewusst werden,
Dass darin auch positive Erfahrungen verborgen sind.
Zum Beispiel die Fähigkeit,
Andere zu verstehen und mit ihnen zu empfinden.
In dem Bemühen für meine Organminderwertigkeit einen Ausgleich zu finden,
Habe ich auch Fähigkeiten entwickelt,
Die sonst vielleicht ungerücksichtigt geblieben wären.
Körperliche Beeinträchtigungen werden oft schon sehr früh kompensiert und bilden einen Faktor in der Persönlichkeitsentwicklung.
In diesem Sinn bin ich mein Körper.
Dasselbe gilt auch für eine ausgeprägte körperliche Begabung oder Bevorzugung.
Auffallende Schönheit oder besondere Körperstärke können den Lebensweg einseitig beeinflussen.
Eine Überbetonung dieser Vorzüge bringt es leicht mit sich,
Anstrengungen auf anderen Gebieten zu meiden,
Die zu einer ganzheitlichen Entwicklung und Reife nötig gewesen wären.
Wie gehe ich mit meinem Körper um?
Vernachlässige oder schädige ich ihn durch ständige Überforderung?
Oder verwöhne ich ihn unangemessen?
Wie ich meinen Körper behandle,
So behandle ich mich,
Denn ich bin mein Körper.
Zweitens,
Ich bin meine Beziehungen.
Auch meine Beziehungen spiegeln etwas von meinem Wesen,
Von meinem bewussten und meinem versteckten Wollen wider.
Wir werden in Beziehungen hineingeboren.
Wir können uns weder unsere Eltern noch unsere Geschwister und Verwandten aussuchen,
Doch wir können unsere Beziehung zu ihnen gestalten.
Da die meisten Menschen in diesem Bereich unreflektiert und unbewusst leben,
Besteht auch hier eine gute Möglichkeit,
Sich selbst noch kennenzulernen.
Im Laufe unseres Lebens entstehen viele Kontakte,
Aber nicht aus allen Kontakten werden Beziehungen.
Jeder hat unbewusste Kriterien,
Die mitbestimmend dafür sind,
Ob und wann aus einem Kontakt eine Beziehung wird.
Nichts geschieht zufällig,
In meinem Leben hat immer alles etwas mit mir zu tun,
Wenn mir auch vieles nicht bewusst ist.
Ich bin nicht nur Opfer meiner Verhältnisse und unbeteiligter Zuschauer dessen,
Was mit mir geschieht.
Unablässig sende ich Signale,
Die von den anderen aufgenommen werden.
Ich wirke unbewusst mit.
Zwar ist das Beziehungsgeflecht,
In dem ich lebe,
Meist unbewusst entstanden,
Und doch zeigt es etwas von dem,
Der ich bin.
Ich kann mich also auch darin erkennen.
Ein praktischer Vorschlag.
Man schreibt in Ruhe einmal auf,
Zu welchen Menschen Beziehungen bestehen und wie nah oder fern mir diese Personen sind.
Zur besseren Vorstellung lässt sich das sogar grafisch darstellen,
Indem ich die Namen und Personen in konzentrische Kreise je nach Nähe oder Distanz zu mir eintrage.
In einem zweiten Arbeitsgang kann ich dann mit Farbstift unterstreichen,
Wie ich sie in ihrer Beziehung zu mir einordne.
Ist der Betreffende für mich hilfreich,
Fördernd,
Anregend,
Nützlich?
Oder ist die Person für mich irritierend,
Kräfteraubend oder krankmachend?
Ist der Umgang,
Den ich jeweils pflege,
Aufbauend oder zerstörend?
Ein dritter Arbeitsgang würde darin bestehen,
Mich ganz bewusst zu entscheiden,
Ob ich eine Beziehung verändern will.
Ich kann sie vertiefen und aufbauen,
Oder auch abbrechen und auslaufen lassen.
Ich muss in meiner Beziehung nicht hilflos wie eine Fliege im Netz zappeln,
Sondern ich kann mich befreien.
Jede Veränderung einer Beziehung,
Die ich bewusst vornehme,
Lässt auf eine Veränderung in meiner Persönlichkeit schließen.
Es kann sein,
Dass ich alte Freunde verliere,
Dafür aber neue gewinne.
Als Kinder leben wir unbewusst in vorgegebenen Bezügen.
Der Erwachsene kann lernen,
Sich die Menschen,
Mit denen er Kontakt haben möchte,
Sorgfältig auszusuchen und die Beziehung zu ihnen zu gestalten.
3.
Ich bin meine Wirkung nach außen Alte Sprichwörter drücken oft große Weisheiten aus.
Wie ich in den Wald hineinrufe,
So schallt es zurück.
Ich bin immer irgendwie beteiligt an dem,
Was mir von einem anderen widerfährt.
Ich bin,
So verstanden,
Auch meine Wirkung nach außen.
Ich kann die Wirkung nach außen,
Die ich bei anderen auslöse,
Als Ausdruck meiner Person betrachten und mich darin kennenlernen.
Ich kann mich aber auch empört und beleidigt zurückziehen und dadurch nichts lernen.
Jede Entscheidung,
Die ich treffe,
Hat ihre Wirkung.
Dem einen wird sie gefallen,
Dem anderen wird sie stören.
Ich kann in vielen Situationen nur entscheiden,
Wen ich mir zum Feind und wen ich mir zum Freund machen will.
Jede Position,
Die ich beziehe,
Wird eine Opposition hervorrufen.
Je bewusster ich lebe und entscheide,
Desto weniger erstaunt werde ich über meine Wirkung nach außen sein.
Meine Wirkung kann ermutigend oder hemmend sein.
Sie kann Skepsis oder Vertrauen auslösen.
Mein Reden oder Schweigen,
Meine Aktivität oder mein Rückzug aus einer Mitarbeit,
Alles hat seine Wirkung.
Ob ich gehasst oder geliebt werde,
Ist kein Zufall,
Sondern die Wirkung meiner Persönlichkeit,
Die auf mich zurückkommt.
An diesen Auswirkungen kann ich,
Wie bei einem Fußabdruck im Schnee,
Mein Profil erkennen.
Ich bin es,
Der sich einprägt.
Ich bin meine Wirkung,
Ich bin für sie verantwortlich.
Ich bin in ihr genauso wirklich wie in meinem Körper und in meinen Beziehungen.
Bin ich in meinem Selbstwert noch schwach,
Dann werde ich versuchen,
Immer möglichst angenehme,
Anerkennenswerte Auswirkungen zu haben.
Ich werde Liebkind sein,
Um wieder geliebt zu werden.
Mit zunehmender Reife wird es mir wichtiger,
Zu mir selbst zu stehen und der zu sein,
Der ich bin.
Ob ich dadurch akzeptabler oder allgemein beliebter bin,
Spielt dann für mich nicht mehr die entscheidende Rolle.
So wird auch meiner Umgebung deutlicher,
Wer ich eigentlich bin.
Das kann Angst und Enttäuschung auslösen.
Vertraute Menschen werden misstrauisch und bedauern,
Dass ich nicht mehr der Alte bin.
Wer immer alle und alles behalten will,
Wird nicht weiter wachsen.
Wandlungsprozesse bieten kein bequemes Ruhekissen und sind nicht unbedingt eine Leiter zum Erfolg.
Kein wirklicher Fortschritt und keine echte Weiterentwicklung in der Menschheit sind in geruhsamer,
Behaglicher Sicherheit zustande gekommen.
Wer konsequent seiner inneren Entwicklung nachgeht,
Kann für seine Umgebung zum ungemütlichen Zeitgenossen werden.
Zugleich ist er aber auch eine Ermutigung und eine Herausforderung für alle,
Die in ihrer Entwicklung vorankommen wollen.
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