
Philosophischer Morgengedanke: die Frage nach Gott
by Matthias Weh
In diesem philosophischen Morgengedanken untersuche ich die Frage nach Gott. Gibt es Gott, und wenn ja, wie kann er das Leid in der Welt zulassen? Psychologisch gefragt: wieso klagen wir Gott an bevor wir ihn überhaupt kennengelernt haben? Was verrät das über uns selbst und darüber ob wir Verantwortung über unser Leben übernehmen... ?
Transkription
Herzlich willkommen bei einem kleinen philosophischen Morgengedanken.
Ich habe ja bisher hier meist Entspannungstechniken hochgeladen,
Aber heute will ich einmal über eine philosophische Frage sprechen,
Die mich selbst in meinem Leben begleitet hat.
Und zwar geht es hierbei um die Frage nach Gott.
Beim Meditieren über diese Frage heute Morgen fiel mir auf,
Dass es zum einen eigentlich eine ganz leichte,
Aber zum anderen auch eine hochkomplexe Frage ist,
Aber dass sie vor allem eines ist,
Eine in außerordentlichem Maße persönliche Frage.
Als ich nach der Meditation meine Gedanken aufschrieb,
Setzte ich mit der Formulierung an,
Heute Morgen habe ich an Gott gedacht,
Und ich stellte fest,
Dass ich damit die Existenz von Gott bereits vorausgesetzt habe.
Mit dem Formulieren dieses Satzes habe ich für den Zuhörer bereits Partei ergriffen und mich auf die Seite der Gläubigen geschlagen,
Was auch immer das bedeuten mag.
Von daher will ich dich jetzt,
Lieber Zuhörer,
Einmal dazu einladen,
Einen Augenblick zu verweilen,
Einmal die Augen zu schließen,
In dich zu spüren und dich ganz dafür zu öffnen,
Dass für eine Reaktion da in dir auftaucht,
Wenn ich dieses Wort sage,
Gott,
Kommt da etwa,
Oje,
Jemand der mich von etwas überzeugen will,
Oder ich bin mal gespannt wo der Fehler in seinem Argument sein wird,
Den werde ich ihm dann im Kommentar unter die Nase reiben.
Oder mal sehen,
Was er unter Gott versteht und was das über ihn aussagt.
Was natürlich auch auftauchen kann,
Ist Neugier,
Interesse oder auch Groll oder Genervtsein.
Ich bin mir sicher,
Dass jeder von euch einzelnen Zuhörenden für sich eine ganz eigene individuelle innere Reaktion auf diese Frage hat.
Aber wieso ist das so?
Wissen wir denn nicht etwa alle,
Was Gott ist?
Dieses allmächtige,
Allwissende,
Allgütige,
Allessehende Wesen,
Das da irgendwo im Himmel sitzt und uns bei unserem Leben zuschaut.
Aber Moment,
Wenn es da ein Wesen gibt,
Das allgütig und allmächtig ist,
Wie könnte dieses Wesen,
Gott,
Dann zulassen,
Dass es so viel Leiden in der Welt gibt,
So viel Terror,
Krieg,
Zerstörung,
Missbrauch,
Vergewaltigung.
Wie kann Gott das zulassen?
Dies ist die Frage nach der Theodizee.
Warum gibt es Leid auf der Welt,
Wenn es doch Gott gibt,
Der das Wissen und die Macht und vor allem aber doch die Güte hat,
Dieses zu verhindern?
Schauen wir uns diese Frage aber heute mal nicht philosophisch an,
Das haben ohnehin schon genug Philosophen vor mir getan,
Sondern psychologisch.
Welches Gefühl spricht aus dieser Frage der Theodizee?
Warum hast du nichts unternommen?
Wie konntest du nur?
Du hättest doch sollen!
Es ist ganz offensichtlich eine Anklage.
Und wann klagen wir üblicherweise jemanden an?
Nun,
Wenn wir das Gefühl haben,
Zu Unrecht Leid erlitten zu haben,
Oder anders gesagt,
Wenn wir Leid erfahren haben,
Von dem wir ausgehen,
Dass es nicht gerechtfertigt war.
Man könnte sich zum Beispiel einen Nachbarschaftsstreit anschauen.
Die Äste von Herrn Mayers Kirschbaum reichen auf das Grundstück von Herrn Müller hinüber.
Sie rauben seinem Erdbeergarten die Sonne,
Und damit rauben sie ihm auch den Nebenverdienst des Erdbeerverkaufs.
Mit dem wenigen Geld,
Das er mit seiner geringen Rente nun hat,
Kann er es sich nicht mehr leisten,
Mit seiner Flamme härter aus dem Dorf auszugehen.
Nachdem Müller Mayer mit seinem Kirschbaum nun mehrmals ermahnt hat,
Etwas zu unternehmen und nichts geschah,
Greift Herr Müller schließlich ungerührt zur Axt und hackt die überstehenden Äste einfach ab,
Um sich so seinen Nebenverdienst wieder einzuholen.
Nun hat zwar Herr Müller seinen Frieden,
Aber Herrn Mayers Kirschbaum stirbt.
Die Enkelkinder kommen im Sommer nicht mehr zu ihm zu Besuch,
Zum Kirschenpflücken,
Und darunter leidet Herr Mayer sehr.
Er vereinsamt und leidet an depressiven Episoden.
Und schon allein,
Als ich mir dieses Gedankenexperiment zusammengebastelt habe,
Merkte ich bereits Folgendes.
Je mehr Informationen ich zu den Situationen der beiden Männer hinzufüge,
Desto verwickelter wird es,
Zu entscheiden,
Was denn hier jetzt gerecht ist.
Aber müsste denn nicht Gott es jetzt wissen?
Er hat doch schließlich alle Informationen und ja sogar auch die Intentionen der Nachbarn sollte er kennen.
Aber auch hier wird es denn mit allem Wissen und der bedingungslosen Liebe zu diesen beiden Nachbarn leichter einzugreifen?
Aber führen wir mal unser kleines Beispiel fort.
Sowohl Müller als auch Mayer gehen nun vor Gericht und klagen und beklagen,
Dass sie zu Unrecht Leid erfahren haben.
Doch warum denken sie das?
Nun,
Vermutlich,
Weil jeder von ihnen meint,
Wenn ich an der Stelle meines Nachbarn wäre,
Dann hätte ich mich aber anders verhalten,
Ich hätte es besser gemacht.
Und das ist psychologisch gesehen ein spannendes Moment.
Übertragen wir das jetzt mal auf die Frage der Theodizee.
Ich klage Gott an,
Weil ich weiß,
Dass ich an seiner Stelle anders gehandelt hätte oder sagen wir doch gleich,
Ich hätte es besser gemacht,
Ich hätte mir das Leid erspart.
Aber Gott hat das nicht gemacht,
Obgleich er davon gewusst hat und auch hätte eingreifen können.
Das ist doch unterlassene Hilfeleistung.
Und aus dieser Haltung entsteht nun Groll,
Aus dem als ungerecht bewerteten vergangenen alten Schmerz,
Den man damit festhält.
Damit,
Dass ich Gott grolle und ihm die Schuld gebe,
Gebe ich Gott aber natürlich auch zugleich die Verantwortung dafür,
Die Verantwortung für die Situation,
Für mich und für mein Leben.
Ich gebe ihm die Verantwortung dafür und auch dafür,
Dass ein Kirschbaum nicht zeitnah hätte gekürzt werden oder ein Zaun nicht höher hätte gestellt werden können.
Unwissenheit schützt vor Strafe nicht,
Sagt der Volksmund,
Und oft genug wurde ja höhere Gewalt als Strafe Gottes ausgelegt.
Aber wollen wir dann das?
Wollen wir wirklich jemandem anderen die Verantwortung für unsere eigenen Handlungen und Entscheidungen geben?
Und wären damit nicht auch die Unterlassung des Kirschbaumbeschnitts oder die Unterlassung der Zaunverlängerung eben solche Handlungen gewesen?
Und hat jemand nur,
Weil er alles sieht und alles weiß und einen vielleicht auch noch lieb hat,
Zugleich die Verantwortung für mein Leben?
Wie ist das denn in einer Diktatur?
Da übernimmt ja ein Diktator die Verantwortung für alle seine Bürger und damit aber auch zugleich für deren Freiheit,
Welche dann allzu oft nach den Vorstellungen des Diktators Stück für Stück immer weiter zusammengeschrumpft wird,
Man sich letztlich doch einen Mann mit Schnauze ans Wohnzimmer hängen muss.
Wenn man also selbst frei sein will in seinen Entscheidungen und Handlungen,
Kann man dann wirklich allen Ernstes einem möglichen Schnauzer im Himmel die Verantwortung für die eigenen Entscheidungen geben?
Und will man das?
Also,
Wenn man Ungerechtigkeit erleben will,
Dann geht das ganz sicher.
Aber will ich Ungerechtigkeit erleben um jemandes Willen,
Den ich nicht einmal kennengelernt habe?
Es ist ein wenig,
Als würde ich einen Promi,
Den ich in einer Bar zum ersten Mal treffe,
Nach all dem beurteilen,
Was ich in der Presse über ihn gelesen habe.
Aber wäre ich dann wirklich in der Lage,
Ihn kennenzulernen?
Ihn wirklich als das zu sehen,
Dass er ist,
Und nicht als den,
Den ich vom Druck kenne?
Aber eigentlich ist es sogar noch ein bisschen anders,
Denn wenn es darum geht,
Dass ich Gott die Schuld für das vergangene Leid gebe,
Das ich erlebt habe,
Dann ist es eher so,
Wie wenn ein Kind von einer Adoption liest und daraufhin denkt,
Da müsse es doch selbst sicher auch adoptiert sein,
Sich dann auf die Suche nach seinen vermeintlich wahren Eltern macht,
Allein aus dem Grund,
Ihnen die Schuld für das eigene verkorkste Leben zu geben.
Wie kann ich aber jemanden unvoreingenommen kennenlernen,
Den ich schon komplett aufgrund meiner eigenen persönlichen Geschichte vorverurteile?
Die Antwort ist simpel,
Ich kann es nicht.
Mein Goll wird meine Sicht auf mein Gegenüber immer irgendwie einfärben.
Wie könnte ich also Gott begegnen,
Offen,
Neutral und vielleicht sogar neugierig?
Nun bevor das möglich ist,
Müsste ich mich erst einmal von dem vergangenen Leid trennen,
Für das ich ihm die Schuld gebe und so meine Sicht für Neues freimache.
Ich müsste vergeben und die volle Verantwortung für mein Leben und meine Emotionen übernehmen.
Wundert sich jetzt noch jemand,
Warum Vergebung im Christentum so einen zentralen Stellenwert hat?
Vergebung ist ja nun mal ein recht effektives Mittel,
Sich seinem Schmerz zu stellen,
Diesen zu lösen und ihn aus dem eigenen Blickfeld zu nehmen,
Um dadurch damit aufzuhören,
Den eigenen Schmerz auf sein Gegenüber zu projizieren.
Hier gibt es eine erstaunliche Parallele zum Vipassana-Buddhismus.
In dieser Meditationsmethode geht es darum,
Die Welt klar zu sehen,
Unbeeinflusst von vergangenem Leid.
Kommen wir nun also zur Ausgangsfrage zurück,
Zur Frage nach Gott.
Um Gott also überhaupt eine Chance geben zu können,
Wenn wir willens- und entscheidungsfrei sein wollen,
Dann sollten wir ihm erst einmal all das vergeben,
Wovon wir glauben,
Dass er es in unserem Leben verantwortet hat.
Und wenn wir das alles vergeben haben und volle Verantwortung für unser eigenes Leben übernehmen,
Dann verfliegen meist die Gründe,
Warum es Gott nicht geben sollte.
Und erst dann,
Erst dann kann man sich die Frage nach Gott ernsthaft stellen und sich selbst die Chance geben,
Ihn kennenzulernen.
Nicht durch den Verstand,
Aber mit einem offenen Herzen.
Treffen Sie Ihren Lehrer
4.4 (10)
Neueste Bewertungen
More from Matthias Weh
Ähnliche Meditationen
Ähnliche LehrerInnen
Trusted by 35 million people. It's free.

Get the app
