
Der kleine Ja-Sager-Oktopus | Sanfte Kindergeschichte
Oktopus Otto hat acht Arme – und die sind ausgesprochen praktisch, wenn seine Freunde Hilfe brauchen. Also sagt Otto immer wieder ja: zu Krabbe Kalle, zu Seepferdchen Susi, zu Fisch Fridolin und zu all den anderen Meeresbewohnern. Doch irgendwann sind alle seine Arme mit den Wünschen der anderen beschäftigt ... In dieser liebevoll erzählten Unterwassergeschichte entdeckt Otto, dass es schön ist, anderen zu helfen – aber dass man dabei seine eigenen Wünsche nicht vergessen sollte. Und vor allem erlebt er, dass ein Nein nicht bedeutet, dass jemand böse auf ihn ist oder ihn plötzlich nicht mehr mag. Eine Geschichte über Grenzen setzen, eigene Wünsche wahrnehmen und den Mut zum Neinsagen – ohne dabei das gute Gefühl aus den Augen zu verlieren, aus vollem Herzen ja zu sagen. Für Kinder ab etwa 5 Jahren. Credits: Musik via Pixabay von JuliusH und red_refrigerator, Coverbild mit Hilfe von KI erstellt.
Transkription
Tief unten im Meer,
Dort,
Wo das Sonnenlicht nur noch in langen,
Flimmernden Streifen durch das Wasser fällt,
Lebte ein kleiner Oktopus.
Sein Name war Otto.
Otto hatte acht Arme.
Und er fand das war ausgesprochen praktisch.
Mit einem Arm konnte er eine Muschel aufheben,
Mit einem zweiten einen Stein umdrehen und mit dem dritten einen vorbeischwimmenden Fisch zuwinken und dann hatte er immer noch fünf Arme frei.
An diesem Morgen hatte Otto etwas Besonderes vor.
Schon seit Tagen sammelte er die schönsten Muscheln,
Die er finden konnte.
Weiße,
Die innen schimmerten wie eine Perle.
Kleine,
Rosafarbene.
Eine gestreifte Muschel,
Die aussah,
Als hätte jemand sie mit einem winzigen Pinsel bemalt.
Und gestern hatte er sogar eine Tiefblaue gefunden.
Heute wollte Otto daraus ein großes Bild legen.
Mitten auf dem hellen Sand vor seinem Felsen,
Wo das Wasser etwas flacher war und die Sonne den Platz in ein warmes Licht tauchte.
Er hatte sich genau überlegt,
Wie sein Bild aussehen sollte.
In die Mitte sollte die blaue Muschel entstehen.
Drum herum die Weißen,
Dann die kleinen rosafarbenen.
Und ganz außen.
Otto.
Otto drehte sich um.
Zwischen zwei Seegrasbüscheln kam Kalle,
Die Krabbe,
Seitwärts über den Sand geflitzt.
Hinter sich zog er ein langes Stück Seekrass.
Gut,
Dass ich dich treffe,
Rief Kalle.
Kannst du mal kurz festhalten?
Ich will das Seegras an meinem Eingang befestigen,
Aber es schwimmt immer wieder weg.
Otto sah auf seine Muscheln,
Dann auf Kalle.
Eigentlich wollte er ja gerade anfangen.
Klar,
Hörte Otto sich sagen.
Mit einem Arm hielt er das Seekrass fest.
Er hatte ja immer noch sieben Arme frei.
Gerade wollte Otto mit einem davon nach der blauen Muschel greifen.
Da hörte er,
Otto!
Es war Susi,
Das Seepferdchen.
Aufgeregt kam sie angeschwommen und stupste eine kleine Schneckenschale vor sich her.
Hilfst du mir?
Ich möchte die zu meinem Felsen bringen,
Aber sie ist viel zu schwer für mich.
Otto sah auf seine Muscheln,
Dann auf Susi.
Klar,
Sagte er.
Mit einem zweiten Arm nahm er die Schneckenschale.
Sechs Arme hatte er ja noch frei.
Otto Diesmal kam der Ruf von oben.
Fisch Fridolin schoss durch einen Schwarm winziger Luftblasen auf ihn zu.
Kommst du mit Verstecken spielen?
Wir brauchen noch jemanden.
Otto wollte gerade sagen,
Nee,
Eigentlich nicht,
Eigentlich möchte ich heute mein Muschelbild machen.
Aber Fridolin sah ihn so erwartungsvoll an,
Dass Otto sich sagen hörte,
Klar,
Mit einem dritten Arm musste er nun Fridolin antippen,
Sobald er ihn gefunden hatte.
Fünf Arme hatte er ja immer noch frei.
Dann wollte der Einsiedlerkrebs einen Stein verrückt haben,
Klar.
Die kleine Garnele brauchte jemanden,
Der ihren Korb mit Algen hielt,
Klar.
Kalle wollte plötzlich noch ein zweites Stück Seekrass befestigen,
Klar.
Und Susi hatte entdeckt,
Dass neben der Schneckenschale auch noch ein besonders hübscher Kieselstein zu ihrem Felsen musste.
Otto schaute an sich hinunter.
Ein Arm hielt Seekrass.
Einer trug eine Schneckenschale.
Einer gehörte zum Versteckspiel.
Einer schob einen Stein.
Einer hielt einen Algenkorb.
Einer hielt noch mehr Seekrass.
Einer trug einen Kieselstein.
Otto zählte.
Eins,
Zwei,
Drei,
Vier,
Fünf,
Sechs,
Sieben.
Nur noch ein einziger Arm war frei.
Tiefblauen Muschel aus.
Fast hätte er sie erreicht.
Da hörte er,
Otto!
Zuerst wagte er's nicht,
Sich zu bewegen,
Dann drehte er sich langsam um.
Hinter ihm trieb Quendolin,
Die Qualle.
Otto,
Kannst du mir deinen Arm geben,
Damit ich mich einhaken kann?
Ich möchte zu den großen Felsen,
Aber alleine ist mir der Weg zu langweilig.
Otto öffnete den Mund.
Klar,
Wollte er sagen.
Das Wort stand schon bereit,
Direkt hinter seinen Lippen,
Da war es doch schon.
Aber er brachte es einfach nicht hervor.
Otto sah auf seinen letzten freien Arm.
Dann sah er auf seine Muscheln.
Die weiße lag noch genau dort,
Wo er sie am Morgen abgelegt hatte.
Die rosafarbenen auch.
Und die wunderschöne blaue Muschel wartete noch immer darauf,
Endlich in die Mitte seines Bildes gelegt zu werden.
Otto schaute auf seine sieben Arme.
Sie alle waren beschäftigt.
Mit Dingen,
Die andere machen wollten.
Andere.
Aber eben nicht er.
Er wollte nicht mit zu den großen Felsen.
Nicht heute.
Heute wollte er .
.
.
Sein Muschelbild legen.
In seinem Bauch fühlte es sich mit einem Mal ganz merkwürdig an,
Fast so,
Als hätte er eine kleine Luftblase verschluckt,
Die nun darin umherirrte.
Gwendolin war seine Freundin.
Was,
Wenn sie nun traurig war?
Wenn sie vielleicht sogar sauer wurde.
Was,
Wenn sie morgen jemand anderen fragte.
Otto holte tief Luft.
Nein,
Sagte er.
Sehr leise.
Gwendoline blinzelte.
Otto schluckte.
Dann versuchte er es noch einmal.
Nein,
Heute komme ich nicht mit.
Ich möchte mein Muschelbild fertig machen.
Jetzt war es raus.
Das Nein schwamm zwischen ihm und Gwendolin im Wasser.
Otto wartete.
Fendolin sah ihn an.
Ach so,
Sagte sie.
Mehr nicht,
Nur ach so.
Dann betrachtete sie die Muscheln auf dem Sand.
Was wird das denn?
Das weiß ich noch nicht genau,
Sagte Otto,
Aber die Blaue,
Die kommt in die Mitte.
Die ist schön,
Sagte Gwendolin.
Dann frage ich Fridolin,
Ob er mitkommt.
Und damit trieb sie auch schon davon.
Otto schaute ihr nach.
Das war alles?
Kein Drama,
Keine Vorwürfe und noch nicht einmal eine Träne?
Quendolin war nicht sauer auf ihn und Fridolin schon dreimal nicht.
Otto schmunzelte.
Dann nahm er mit seinem letzten freien Arm die blaue Muschel und legte sie mitten in den Sand.
Sie schimmerte im Sonnenlicht.
Und auf einmal gefiel Otto sein freier Arm so gut,
Dass er beschloss,
Sich noch ein paar mehr davon zurückzuholen.
»Kalle«,
Sagte er,
»ich kann dein Seekrass noch einen Moment halten,
Aber danach brauche ich meinen Arm wieder.
« »Gut«,
Sagte Kalle.
Zu Susi sagte er,
Die Schneckenschale bringe ich dir noch,
Den Kieselstein kannst du später selbst holen.
Gut,
Sagte Susi.
Und zu Fridolin wollte er sagen,
Heute spiele ich nicht mehr mit,
Aber der war schon längst mit Gwendolin zu den großen Felsen unterwegs.
Nach und nach kamen Ottos Arme zurück.
Der erste,
Der zweite,
Der dritte,
Bis er schließlich wieder alle acht Arme frei hatte.
Otto betrachtete sie.
Acht Arme acht wunderbare Oktopus-Arme.
Mit ihnen konnte er anderen helfen.
Er konnte Dinge tragen,
Festhalten,
Schieben und ziehen.
Er konnte mit ihnen spielen und winken und jemanden in den Arm nehmen.
Aber sie gehörten immer noch ihm.
Es waren seine Arme.
Otto nahm die weißen Muscheln und legte sie um die blaue.
Danach kamen die rosafarbenen,
Die gestreiften setzte er ganz nach außen.
Als die Sonne hinter der Wasseroberfläche langsam schwächer wurde,
War das Bild fertig.
Otto schwamm ein Stück zurück und betrachtete es.
Es sah anders aus,
Als er es sich am Morgen vorgestellt hatte.
Aber es war schön.
Ja,
Es war sogar noch schöner,
Als er es sich vorgestellt hatte.
Und da kam Gwendolin von den großen Felsen zurück.
Oh,
Rief sie,
Das ist ja wunderschön!
Otto lächelte.
Danke.
Hast du morgen Lust mit mir zu den Felsen zu schwimmen?
Otto dachte kurz nach.
Morgen hatte er noch nichts vor.
Und dieses Mal fühlte sich das Wort,
Das hinter seinen Lippen wartete,
Ganz leicht an.
Ja,
Sagte Otto und strahlte Gwendolin an.
Mit zwei seiner freien Arme zog er seine Freundin zu sich und umarmte sie.
Ein Jahr,
Das aus freien Stücken und von ganzem Herzen kommt,
Ist das schönste Jahr der Welt.
Das hatte Otto heute gelernt.
Und das wollte er nie wieder vergessen.
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