
Die Fragwürdigkeit des Selbst - das Ich nur eine Illusion?
by Sitzen
Das Gefühl ein unabhängiges Selbst zu sein mit freiem Willen und persönlicher Individualität, das die Wechselhaftigkeit der Zeit überdauert und immer im Kern gleichbleibend eine identitätsstiftende Sicherheit bietet wird in der Regel nicht hinterfragt. Warum auch? Nun, es gibt keinen Grund, aber dennoch findet Hinterfragen hier statt. Darüber hinaus passieren Versuche von Annäherung an das, was ist, jenseits des Erlebens von "ich bin," - alles jedoch nur scheinbar und für niemanden. Namaste
Transkription
Willkommen zu Sitzen auf Stühlen,
Heute mit dem Thema Die Fragwürdigkeit des Selbst – das Ich nur eine Illusion?
Wenn ich mit Menschen über so etwas wie Selbstverständnis,
Oder Ich-Identität oder das Gefühl von Ich-Bin spreche,
Passieren oft Irritationen,
Gereiztheiten und es entsteht schnell der Eindruck,
Dass man gegenüber das Gespräch nicht weiterführen möchte.
Manchmal entsteht so etwas wie Abwehr,
Manchmal kommen Aussagen,
Dass dies zu philosophisch ist oder was weiß ich.
Was mich irritiert,
Denn ich arbeite in einem psychiatrischen Kontext mit Ärzten,
Mit Psychologen,
Die sich mit dem Thema Ich-Identität allein schon von Berufswegen her beschäftigen sollten,
Dachte ich zumindest.
Sofern sich das Gespräch innerhalb von Konzepten bewegt,
Also beruflich bezogen,
Das Ich ist so und so beschaffen,
Hat diese und jene Störungen und muss so und so gestärkt werden,
Damit dies und jenes an Krankheit verhindert wird,
Solange die Gespräche so laufen,
Ist alles schick.
Sobald jedoch genauer hingeschaut wird und das Vorhandensein üblicher Ich-Konstrukte bezweifelt und das Ich als notwendiges,
Identitätsstiftendes Mittel infrage gestellt wird,
Ab da gerät das Gespräch dann irgendwie ins Stocken.
Dabei scheint es oft so,
Als,
Naja,
Also man gegenüber wirkt,
Als sei es unhinterfraglich vorausgesetzt,
Dass das Gefühl von Ich-Bin zurecht von sich selbst behauptet,
Dass es das Gewisseste sei,
Was es überhaupt so auf der Welt gibt.
Naja,
Also hierzu wurden ja auch vielerlei Beweise angetreten,
Um dies zu belegen.
Der kartesianische Leitsatz des Cogito ergo sum,
Also zumeist der übersetzt mit Ich denke,
Denn so bin ich,
Versucht nahezulegen,
Dass insofern Denken da ist,
Zwangsläufig auch eine feste Instanz von Ich da sein muss,
Welche das Denken sozusagen produziert,
Aus dem das Denken quasi hervorgeht.
Dass Ich als Zentrum,
Als Macher des Gedachten vor allem aber das definitiv übrig bleiben muss,
Wenn man so reduktionistisch zweifeln nach und nach alles wegnimmt oder wegdenkt oder verneint.
Die Frage ist,
Stimmt das so oder ist diese Gewissheit,
Die René Descartes philosophisch zu begründen suchte,
Nicht doch eher ein kartesianischer Irrtum und zwar einer von immenser Tragweite?
Was wäre nämlich,
Wenn es genau anders herum ist?
Wenn nicht das Ich Ursprung des Denkens ist,
Sondern das Ich das Ergebnis des Denkens?
Augenscheinlich,
Zumindest begegnet es mir in Gesprächen so,
Wird dies als totaler Affront wahrgenommen.
Das Ich kann zwar mittels psychologischer Konzepte und Modelle zergliedert und beschrieben werden,
Erfährt unterschiedliche Betrachtungen aus unterschiedlichen Blickwinkeln,
Aber in Erwägung zu ziehen,
Dass das Ich überhaupt nichts Fixes ist und ja,
Irgendwie auch gar keine Substanz hat,
Das wird zunächst bisher von allen meinen Gesprächspartnern als gänzlich unplausibel angesehen.
Dabei gibt es doch scheinbar naheliegende Belege,
Die darauf hindeuten,
Dass dies so sein könnte.
Wenn ich beispielsweise substanziell einmal nachfrage,
Was denn dieses Ich so sein soll,
Also von der Substanz her,
Da gibt es unterschiedliche Arten von Antworten,
Die gegeben werden.
Also manche sind körperbetont,
Die sagen,
Ich bin mein Körper.
Scheint leicht zu entkräften zu sein,
Wenn das einfach mal ein bisschen weiter gedacht wird.
Ist das Erleben von Ich bin weg bei Zustand nach Autounfall und Amputation von Armen und Beinen?
Vermutlich nicht.
Da ist weiterhin ein Erleben von Ich bin nur halt ohne Arme und Beine.
Aber durch Subtraktion von Körper wird nicht plötzlich Ich weniger.
Also kann das Ich folglich nicht,
Naja,
Irgendwas mit diesem Körper zu tun haben.
Zumindest scheint der Körper es nicht zu generieren.
Ebenfalls gibt es da so eine Fühlfraktion,
Also an Antworten,
Die sagen,
Naja,
Das fühlt man halt,
Das Ich ist so ein Gefühl.
Aber ist so ein Gefühl oder generell eine Gefühlsnuance?
Ist es möglich,
Darauf irgendetwas Identitätsstiftendes zu bauen bei der Betrachtung der Gefühle,
Die ja sich als komplett unbeständig erweisen?
Mein Gefühlserleben von vor 15 Jahren ist ein komplett anderes als heute.
Vor 15 Jahren war vermutlich auch meine Gehirnchemie eine komplett andere.
Vor 15 Jahren habe ich Drogen genommen,
Habe ich geraucht und habe Unmengen an Alkohol in mich reingeschüttet.
Zudem war ich mit einem Mann zusammen und hielt mich für schwul.
Heute bin ich verheiratet mit einer Frau und habe zwei Kinder.
Das heißt,
Mein Gefühlserleben von vor 15 Jahren ist ein komplett anderes als heute.
Und dementsprechend nicht etwas,
Von dem man sagen kann,
Ich würde ja trotzdem sagen,
Vor 15 Jahren war ich ich und heute bin ich auch noch ich.
Unabhängig davon scheinen meine Gefühle damals andere gewesen zu sein als heute.
Und trotzdem ist das Ich-Erleben etwas,
Was sich als kontinuierlich begreift.
Nächste Fraktion,
Die aufkommt und sagt,
Ja,
Das hat irgendwie sowas mit Denken zu tun und bei den Gedanken,
Also dass die Gedanken irgendwas Fixes seien,
Lässt sich ja auch recht leicht begreifen,
Wenn man überlegt,
Wann überhaupt der erste Ich-Gedanke aufkommt.
Denn der kommt ja nicht qua Geburt.
Das heißt,
Es kann nichts Identitätskonstituierendes sein,
Wenn man diesen Gedanken annimmt,
Da ein kleines Kind bei Geburt noch nicht in Ich-Dimensionen denkt und noch nicht in der Ich-Einengung lebt,
Sondern da,
Wenn es anfängt zu sprechen und irgendwas Personelles sich anbahnt,
In der Regel von sich selbst in der dritten Person spricht und dann am Anfang natürlich auch erst mal vollgetextet wird von der Umgebung und vermutlich irgendwann merkt,
Ah Moment,
Die sprechen mich zwar mit Olli an,
Aber scheinen nicht zu erwarten,
Dass ich mich selber auch mit Olli anspreche,
Sondern mit irgendwas anderem und irgendwann passiert da augenscheinlich so ein Aha-Erlebnis,
Dass das Kind das erste Mal Ich zu sich sagt,
Weil es gelernt hat,
Dass die anderen auch Ich zu sich sagen,
Ohne genau definiert zu bekommen,
Was das denn ist.
Die letzte Bastion,
Die an Ich-Befürwortern definitiv in solchen Gesprächen immer kommt,
Ist die Bastion des freien Willens.
Da wird gesagt,
Das Ich ist doch sozusagen die Instanz,
Die dafür birgt,
Dass wir einen freien Willen haben.
Auch dazu gibt es spannende Studien,
Die nahelegen,
Dass dieser freie Wille möglicherweise nicht so ist,
Wie wir uns das vorstellen.
Der freie Wille,
Der besagt,
Aus einer bewussten Entscheidung entscheide ich mich entweder dies oder das zu tun.
Und aus bestimmten Versuchssettings lässt sich ableiten,
Dass dies augenscheinlich nicht der Fall ist.
Das Versuchssetting ist so,
Dass ein Proband angeschlossen wird an ein bildgebendes Instrumentarium,
Durch das Gehirnaktivität gemessen wird,
Und zwar in den Regionen,
Wo innerhalb des Gehirns nachweislich Entscheidungsprozesse gefällt werden.
Dieser Proband soll sich entscheiden,
Ob er die rechte oder linke Hand hebt und dann mittels eines Knopfes den er drücken kann,
Dann drücken,
Wenn in seinem Ich-Erleben die Entscheidung gefallen ist.
Das Ergebnis dieser ganzen Geschichte ist,
Dass das Bewusstwerden der Entscheidung,
Ich hebe jetzt meine rechte Hand,
Immer in allen Versuchssettings nachgeschaltet kam.
Das heißt,
Das Erleben von Ich-Bin ist eine nachträglich hinzugefügte Story zu der Entscheidung,
Die vorher schon getroffen ist.
Somit ist der Entscheidungsfindungsprozess etwas Vorgeschaltetes vor unserem Bewusstsein,
Was nahelegt,
Dass wir uns eben nicht bewusst entscheiden können,
Sondern die Geschichte,
Dass da ein Ich ist und dass dieses Ich sich bewusst entschieden hat,
Nachträglich an Handlungen geknüpft wird und so die Illusion einer frei sich entscheidenden Person entsteht.
Das Ich ist also sozusagen gemacht.
Im Hinduismus,
In der sogenannten Samkhya-Philosophie wird die Psyche als ein Gebilde beschrieben,
Das evolutionär aus der Urmaterie,
Aus Pankriti entstanden ist.
Innerhalb dieser Psyche werden drei Entitäten unterschieden,
Einmal Buddhi,
Der Intellekt,
Einmal Manas,
Der Geist oder der Ordner der Sinneseindrücke.
Und das Dritte,
Das ist das Spannendste,
Finde ich,
Das sogenannte Ahamkara,
Was soviel bedeutet wie Ich-Macher.
Und dies erscheint mir sehr plausibel zu sein in Verbindung mit dem,
Was ich zuvor gesagt habe und auch in Verbindung mit bestimmten Sachen aus der zwischenmenschlichen Praxis.
Das es eine innerpsychische Konstruktion gibt,
Die dafür zuständig ist,
Dass ein Ich-Bewusstsein entsteht und vielmehr gemacht wird.
Wenn wir uns nämlich ein Alltagsbeispiel aus einer zwischenmenschlichen Praxis mal angucken,
Dann wird das vielleicht etwas deutlicher.
Nehmen wir eine Party.
Ich lerne jemanden auf einer Party kennen und im Kennenlernprozess erzähle ich ihm meine Geschichte,
Die ich als meine Geschichte verkaufe und behaupte,
Das bin ich.
Und dieser Vorgang nennt sich dann spannenderweise auch Sich-Vorstellen.
Wir entwerfen also ein Bild von uns,
Das wir von uns selbst haben,
Gemacht haben und welches wir einem vermeintlichen Gegenüber darbieten.
Mit dem,
Was da ist,
Hat das eigentlich nichts zu tun.
Es ist und bleibt ein mentales,
Psychisches Produkt mit dem Anspruch,
Scheinbar autoreflexiv sich selbst zu beschreiben.
Das Ich ist demnach Vorstellung,
Also Gedanke,
Damit verknüpft Gefühl und als Gesamtpaket so etwas wie ein Erleben von tatsächlicher Wirklichkeit.
Ein mentales Bühnenstück.
Alles lediglich scheinbar.
Vorstellung und Erscheinung,
Hinter der sich nicht ein jemand versteckt oder das aus einer metaphysischen Person hervorgeht.
Da ist niemand.
Die Frage ist ja,
Und was nun?
Ich bin in den letzten Tagen auf einen Impuls gestoßen,
Der zwar keine Antwort auf die Frage nach dem Ich im eigentlichen Sinne gibt,
Was auch immer der eigentliche Sinn sein könnte,
Vor allem gibt es keine befriedigende Antwort auf die Frage für das Ich Bin.
Jedoch eröffnet es eine Möglichkeit einer Begegnung mit dem,
Was ist jenseits von Ich Bin,
Jenseits eines Erlebens von Ich Bin.
Im So-Sein verharren,
Wobei niemand in diesem So-Sein ausharrt.
Jedoch besteht die Illusion von jemandem,
Der noch scheinbar aktiv ist und glaubt,
Tätig sein zu müssen.
Im So-Sein verharren will Hindeuten auf die Betrachtung der Welt ohne einen Betrachter,
Der dies tut.
Der Betrachter fällt weg,
Ohne jemals dagewesen zu sein.
Bei der Beschreibung kommt Sprache an ihre Grenzen,
Weil alles widersprüchlich anmutet.
Vermutlich ist Leben deshalb so widersprüchlich,
Um den mentalen Stolz des Verstandes und letztendlich des Erlebens von Ich Bin zu brechen.
Im So-Sein verharren ist nicht statisch,
Worauf verharren vielleicht hindeuten könnte,
Sondern vielmehr in der Bewegung bleiben,
Ohne dem Willen nachzugehen,
Die Frage nach dem Wer bin ich zu beantworten.
Im So-Sein verharren heißt,
Sich infrage stellen zu lassen,
Infrage gestellt zu bleiben und nicht zu antworten,
Sich nicht festlegen.
Im So-Sein verharren meint,
Unwissenheit praktizieren,
Nicht im Sinne von Ahnung haben,
Sondern im Erfahren und Erleben jenseits eines Ich-Bin-Bewusstseins,
Welches auf Wissen beruht und deshalb Wissen muss.
Ich-Bin-Bewusstsein speist sich aus Erinnerung,
Erfahrung,
Also aus Wissen und demgegenüber ist Unwissenheit als demütige Haltung zu sehen,
Als demütige Haltung des Nicht-Begreifens,
Des Nicht-Erfassen-Müssens,
Des So-Sein-Lassen-Könnens.
Keine Konzepte,
Keine Systeme,
Keine Deutungen,
Keine Wertungen,
Von niemandem,
Für niemand.
Das ist absolute Freiheit.
In diesem Sinne,
Namaste.
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