
Der Sprung Im Krug
Diese therapeutische Geschichte erzählt vom Gefühl der Unzulänglichkeit, von Stolz, Schuld und Scham, sowie der Möglichkeit, einen neuen Blick auf die eigene Eigenart zu gewinnen. Die Quelle wird unterschiedlich angegeben, möglicherweise aus Indien, China oder von verschiedenen Autoren.
Transkription
Der Sprung im Krug – eine therapeutische Geschichte.
Es finden sich unterschiedliche Angaben zur Quelle.
Es war einmal eine alte Dame,
Und jeden Tag schöpfte sie zwei Krüge voll Wasser am Fluss und trug sie nach Hause.
Die beiden Thronkrüge befestigte sie an den Enden einer Stange,
Welche sie auf den Schultern trug.
Einer der Krüge hatte einen Sprung,
Während der andere makellos war und stets eine volle Portion Wasser fasste.
Der Krug mit dem Sprung jedoch war am Ende der langen Wanderung vom Fluss zum Haus der alten Dame immer nur noch halb voll.
So ging es jeden Tag,
Ja ein,
Ja aus,
Und die alte Frau brachte immer nur anderthalb Krüge Wasser mit nach Hause.
Der makellose Krug war natürlich sehr stolz auf seine Leistung,
Auf die perfekte Erfüllung seines Daseins,
Und er brüstete sich damit.
Der arme Krug mit dem Sprung aber schämte sich wegen seiner Unvollkommenheit und war unglücklich,
Nur halb so viel zustande zu bringen als das,
Wofür er geschaffen war.
Nach Jahren nahm sich der alte Krug endlich an Herz und sprach zu der Frau,
Ich schäme mich so wegen meines Sprungs.
Es ist meine Schuld,
Dass du nie das ganze Wasser nach Hause bringen kannst und die Hälfte davon unterwegs versickert.
Die alte Frau lächelte und sprach,
Ich möchte dich bitten,
Heute auf dem Weg die wunderschönen Blumen am Wegesrand zu betrachten.
Und tatsächlich,
Als der Krug an diesem Tag vom Fluss hochgetragen wurde,
Bemerkte er zum ersten Mal die herrlichen Blumen auf der Seite des Weges.
Er bemerkte ihre leuchtenden Farben,
Und der süße Duft machte den alten Krug froh.
Doch zu Hause angekommen wurde er wieder ganz betrübt,
Denn wie immer hatte er nur die Hälfte des Wassers heimbringen können.
Danke,
Dass du mich mit den Blumen aufmuntern wolltest,
Sprach er traurig zu der alten Frau,
Aber es hilft doch alles nichts.
Ist dir aufgefallen,
Erwiderte sie liebevoll,
Dass nur auf einer Seite des Weges Blumen blühen,
Aber auf der anderen Seite nicht?
Das ist deinem Sprung zu verdanken.
Ich habe auf deiner Seite des Pfades Blumensamen gesät,
Und nun gießt du sie jeden Tag,
Wenn wir nach Hause laufen.
Wenn du nicht so gewesen wärst,
Wie du bist,
Hätte es niemals diese Pracht gegeben.
Ich hätte einen neuen Krug kaufen können,
Aber das wollte ich nicht.
Stattdessen erfreue ich mich jeden Tag an der Schönheit der Blumen.
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