
Wie Geschwister uns prägen- die unterschätze Beziehung
Wie sehr Vater und Mutter uns in unserer Entwicklung und für unseren Lebensweg prägen, welche inneren Haltungen und Glaubenssätze sie uns gewollt oder unbewusst für unser Leben mitgeben und welche große Wirkung das auf unser Leben und auf unsere Beziehungen hat, das ist inzwischen Allgemeinwissen. Was allerdings bei unserer Prägung wirklich unterschätzt wird, sind die Beziehungen zu unseren Geschwistern.
Transkription
Wie sehr unsere Eltern uns in unserer Entwicklung und für unseren ganzen Lebensweg prägen,
Welche inneren Haltungen und Glaubenssätze sie uns in der Erziehung gewollt oder unbewusst für unser Leben mitgeben und was für eine riesengroße Wirkung das auf unser Leben und auf unsere Beziehungen hat,
Das ist ja inzwischen Allgemeinwissen.
Was allerdings bei unserer Prägung wirklich unterschätzt wird,
Das sind die Beziehungen zu unseren Geschwistern.
Die Verbindung zu Bruder und Schwester und die Rollen,
Die wir in unseren Herkunftsfamilien-Systemen früher mal eingenommen haben,
Die wirken sich ebenso gewaltig auf unsere Entwicklung aus und diese Rollen bleiben nicht selten auch im Erwachsenenalter erhalten.
Manchmal kann das so richtig hinderlich für uns sein,
Jedenfalls so lange,
Solange wir nicht erkennen,
Welche alte Rolle wir da immer noch spielen.
Mit unseren Geschwistern jedenfalls teilen wir eine gemeinsame Herkunftsgeschichte und das schafft Verbindung.
Doch wo Licht ist,
Ist doch Schatten.
Dazu gehören zum Beispiel nie geklärte Konflikte oder Rivalitäten zwischen Geschwistern,
Die einen belasten können.
Aber auch die Vorstellungen,
Erwartungen oder Rollenverpflichtungen unserer Ursprungsfamilie können uns in der Begegnung mit unseren Geschwistern immer wieder einholen,
Auch wenn wir inzwischen neue Wege eingeschlagen haben.
Ich lade Dich in den nächsten drei Podcast-Episoden ein auf eine Entdeckungsreise in Dein Familiensystem.
Wir werden über unbewusste Rollen sprechen,
Über verdeckte Aufträge und Lebensregeln und auch darüber,
Wie Du Dich heute von all dem lösen kannst und einen gesunden Umgang mit all dem finden kannst.
Heute wie gesagt Teil 1 dieser Miniserie zum Thema Familie.
Da dreht sich alles um Geschwisterliebe und Geschwisterablehnung.
Los geht's!
Leben lieben lassen.
Der Podcast zum Thema Persönlichkeit,
Beziehung und Selbstliebe.
Von und mit Claudia Bechert-Möckel.
Und da sind wir wieder bei einer neuen Episode von Leben lieben lassen.
Ich freue mich,
Dass Du da bist und mir Deine Uhr schenkst und Deine Aufmerksamkeit.
Und natürlich hoffe ich,
Du nimmst aus meiner kleinen Familienreihe wieder jede Menge Impulse für Dich und Dein Leben mit.
Ich bin Claudia,
Persönlichkeits- und Beziehungscoach.
Ich unterstütze Menschen dabei,
Gelingende Beziehungen zu führen,
Zu sich selbst und anderen.
Und natürlich auch dabei,
Sich selbst und ihre Geschichte besser zu verstehen.
Denn das ist ja der Ursprung von allem.
Und dabei möchte ich rate mal,
Den Scheinwerfer weg von Mama und Papa lenken,
Hin zu Bruder und Schwester.
Denn Geschwisterbeziehungen werden häufig in ihrer Wirkung auf uns vollkommen unterschätzt.
Die Beziehung zu unseren Brüdern und Schwestern,
Wenn wir denn welche haben,
Ist die längste unseres ganzen Lebens.
Auch wenn Du vielleicht wenig Kontakt zu ihnen hast,
Bist Du dennoch mit ihnen verbunden.
Ihr kommt ja schließlich aus dem gleichen Stall,
Seid in ein und demselben sozialen Biotop der Familie aufgewachsen und doch seid Ihr so unterschiedlich.
Vielleicht seid Ihr Euch auch noch nicht mal mehr einig darüber,
Wie das früher so zu Hause war?
Wie kommt das?
Ist da was schiefgegangen?
Kann sein,
Du hast eine innige Verbindung zu Deinem Bruder oder Deiner Schwester,
Vielleicht habt Ihr Euch ja auch gar nichts zu sagen,
Vielleicht konkurriert Ihr oder kämpft Ihr sogar miteinander?
Warum das so ist,
Schauen wir uns an in dieser mega spannenden Familienepisode.
Sie prägen unsere Entwicklung vom allerersten Tage an.
Und diese dem Ursprung nach meist enge Verbindung wirkt sich auf unser ganzes Leben aus.
Forscher sprechen inzwischen davon,
Dass der Einfluss der Geschwisterbeziehung vielleicht sogar noch intensiver sein könnte,
Als der der Beziehung zu unseren Eltern.
Das ist eine steile These und ich bin nicht hundertprozentig d'accord.
Fakt ist aber,
Diese Beziehung wird häufig in ihrem Einfluss unterschätzt.
In der Kindheit,
Da sind Geschwister ja meist diejenigen,
Mit denen wir am allermeisten Zeit verbringen.
Oft deutlich mehr als mit den Eltern.
Außerdem lernen wir,
Wenn wir mit Geschwistern aufwachsen,
Sehr sehr früh,
Dass wir eben nicht der Mittelpunkt der Welt sind.
Dass wir so etwas zurücktreten müssen,
Ist sozial gesehen eine wertvolle Erkenntnis und auch ein wichtiges Learning,
Denn im realen Leben drehen sich ja auch nicht Sonne,
Mond und Sterne immer nur um uns.
Allerdings ist es natürlich so,
Dass das als Kind auch schon als die erste Zurückweisung und Bindungskränkung erlebt werden kann,
Je nachdem,
Wie Eltern damit umgegangen sind,
Wie sie uns auf unsere Rolle als Geschwister vorbereitet haben.
Und vielleicht hast Du ja auch Bruder oder Schwester oder vielleicht sogar mehrere Geschwister und fragst Dich manchmal,
Warum seid Ihr eigentlich so verschieden?
Wieso ist Eure Sicht auf die Welt und die anderen,
Eure Einstellung zum Leben und sogar Euer Blick auf Eure gemeinsame Familiengeschichte so unterschiedlich?
Sind das vielleicht unterschiedliche Gene?
Zum Teil natürlich,
Klar,
Aber das wahre Geheimnis Eurer Unterschiedlichkeit ist ein anderes.
Geschwisterkinder sind wie kleine Pflanzensprösslinge,
Die sich dem Sonnenlicht entgegenstrecken.
Das Sonnenlicht,
Das sie unbedingt brauchen zum Aufwachsen,
Ist die Aufmerksamkeit der Eltern,
Ihre Anerkennung,
Ihre Fürsorge,
Ihre Zuwendung,
Ihre Liebe.
Und dieses Sonnenlicht,
Das müssen sich Geschwister teilen.
In gewisser Weise konkurrieren sie darum.
Jedes Kind schaut also,
Das weiß man aus der Familiensoziologie,
Instinktiv,
Wie es sich genug von der lebensnotwendigen Aufmerksamkeit der Eltern sichern kann.
Und wie machen wir das als Kind?
Na klar,
Indem wir uns von unseren Geschwistern abgrenzen,
Differenzieren,
Indem wir unterschiedlich sind.
Wir entwachsen demselben Grund,
Brauchen aber einen eigenen sicheren Raum innerhalb des Familiensystems,
Damit wir auch ein sicheres Standing haben und genug Licht.
Also Aufmerksamkeit,
Zuwendung,
Unterstützung und Fürsorge bekommen.
Und so entstehen sehr früh bestimmte Rollen und Muster,
Mit denen wir uns identifizieren.
Und diese Rollen und das dazugehörende Verhalten begleiten uns nicht selten durch unser Leben,
Auch wenn wir erwachsen sind.
Sie sind uns praktisch so angestammt,
Dass wir sie einfach weiter ausfüllen,
Auch wenn wir das vielleicht gar nicht mehr müssten oder wenn wir uns selbst dabei das Leben schwer machen.
Wir kennen uns einfach mit dieser Rolle aus,
So erst wie eine zweite Haut,
Manchmal glauben wir sogar,
Dass wir sie sind.
Und natürlich werden wir erst im Rahmen der Familie und dann auch später immer wieder in dieser Rolle bestätigt.
Ich habe immer wieder mit Klientinnen und Klienten zu tun,
Die in diese frühen Rollen ihres Herkunftssystems verstrickt sind und das noch gar nicht erkannt haben.
Da gibt es das artige Mädchen,
Das auch mit 40 alles richtig macht,
Den kleinen Tollpatsch,
Um den sich immer alle bemühen und er viel Aufmerksamkeit braucht oder den Gewinner,
Der immer alle überholt und immer zuerst da ist und sich dafür richtig ins Zeug legt.
Aber erst wenn wir den Zusammenhang verstehen zwischen unserem Verhalten jetzt und unserer Rolle im Familiensystem früher,
Können wir uns eben von diesen alten Rollen und Funktionen bewusst verabschieden,
Wenn sie gar nicht mehr zu uns passen.
Die natürliche Rivalität der Geschwisterkinder um die elterliche Aufmerksamkeit und Zuwendung ist es also,
Die dafür sorgt,
Dass sich Kinder unterschiedliche Strategien aneignen,
Um so viel als möglich von diesen Ressourcen zu bekommen.
Daher verhalten sich Kinder unterschiedlich und besetzen sehr verschiedene Positionen innerhalb der Familie.
Sogar Zwillinge nehmen unterschiedliche Rollen ein,
Denn das generiert ja die Wahrscheinlichkeit wirklich auch als ein Selbst wahrgenommen zu werden.
Da gibt's die Sportskanone,
Die man nur auf dem Bolzplatz findet,
Die Streberin,
Die nur einzeln schreibt,
Den Familienclown,
Die Drama-Queen,
Die gerne Szenen macht,
Das Mama-Kind,
Das immer lieb ist,
Den Schüchternen,
Der nur im Zimmer sitzt,
Den Frechdachs,
Der immer das letzte Wort hat und viele,
Viele andere mehr.
Jeder findet seine Rolle.
Schwierig wird es,
Wenn die elterlichen Ressourcen sehr,
Sehr knapp bemessen sind,
Wenn es also generell zu wenig Aufmerksamkeit,
Liebe,
Fürsorge,
Unterstützung oder eben einfach nur zu wenig Zeit gibt.
Dann müssen nämlich Kinder besonders einfallsreich sein,
Um so viel als möglich von dem Wenigen zu bekommen.
Und es geht so weit,
Dass Kinder sogar negative Aufmerksamkeit generieren,
Bevor sie gar keine bekommen.
Aus der systemischen Familientherapie weiß man,
Dass auffälliges,
Querulantes,
So gemeinhin schwieriges Verhalten einer inneren,
Wenn auch unbewussten Logik folgt.
Sich auffällig zu verhalten hat einen verdeckten Nutzen.
Es erzwingt etwas.
Wenn ich immer Probleme verursache,
Wenn ich mit anderen anecke,
Wenn ich besonders tollpatschig bin oder besonders hilflos,
Dann sichert mir das auf jeden Fall die elterliche Aufmerksamkeit.
Im positiven oder im negativen Sinn,
Hauptsache Aufmerksamkeit.
Natürlich,
Kinder überlegen sich das nicht bewusst,
Dennoch tun sie es.
Das Maß der elterlichen Aufmerksamkeit ist für das Kind wichtiger als die Qualität dieser Aufmerksamkeit.
Es ist noch gar nicht lange her,
Da war ich Zeugin,
Wie jemand in meinem Bekanntenkreis über die Schwierigkeiten seiner erwachsenen Tochter gesprochen hat.
Aus den Worten war die Besorgnis total klar zu erkennen.
Es ging da um schwierige Partnerschaften,
Um den kurvenreichen Berufsweg und allerlei Irrungen und Wirrungen.
Mal davon abgesehen,
Dass ich es ehrlich gesagt schwierig finde,
Die innersten Themen der erwachsenen Tochter mit aller Welt zu teilen,
Hat mich ein Satz besonders hellhörig gemacht.
Ach ja,
Hieß es am Ende der Geschichte,
Sie ist und bleibt eben mein Sorgenkind.
Ganz eindeutig hat da Liebe aus diesen Worten gesprochen und mir war klar,
Dass die Dimension des Gesagten überhaupt niemandem auffiel in diesem Moment.
Aber diese Frau,
Um die es dabei ging,
Die war gebrandet mit der Rolle Sorgenkind und so war sie offenbar schon aufgewachsen.
Und sie erfüllte die ihr zugeschriebene Rolle im Prinzip wie eine self-fulfilling prophecy,
Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.
Der Rolle gemäß hat sie immer wieder für Turbulenzen und Durcheinander in ihrem Leben gesorgt.
Und so hat sie,
Natürlich auf unbewusste Weise,
Offenbar immer wieder das Bild bestätigt,
Mit dem sie identifiziert ist.
Und das Schild SORGENKIND,
Das ihr schon als Kind auf die Stirn geklebt wurde,
Enthält bei aller liebevollen Fürsorge auch eine gewisse Befürchtung.
Unterschwellig steckt da nämlich drin,
Ich traue dir nicht zu,
Dass du allein sicher durchs Leben kommst,
Deshalb werde ich immer für dich da sein und dir helfen.
Du bist jemand,
Um den man sich kümmern muss.
Das ist lieb gemeint,
Aber es macht ja auch die Tochter versehentlich klein,
Viel kleiner als sie ist.
Es sichert ihr die ständige Unterstützung der Eltern,
Aber es lässt sie verunsichert bleiben in Bezug auf ihre eigene Kraft,
Die sie sich selbst ja gar nicht zutraut,
Genauso wie alle anderen.
Und das dann auch noch im krassen Gegensatz zu ihrer drei Jahre älteren Schwester,
Einer sehr erfolgreichen Karrierefrau,
Der alles zugetraut wird und deren Leben auch nicht mit Sorge im vollen Blick betrachtet werden muss.
Im Gegenteil.
Ina macht ihr Ding,
Hieß es,
Die kriegt alles hin.
Sie war schon als Kind ein Handstampf in allen Gassen,
Hat sich nie unterkriegen lassen und wusste immer ganz genau,
Was sie wollte.
Das sind zwei ganz typische Rollen,
Die Geschwisterkinder einnehmen können.
Und beide sichern sich so die Zuwendung und Aufmerksamkeit der Eltern in der Kindheit.
Und auch darüber hinaus.
Das Problem daran ist allerdings,
Dass wir natürlich in diesem Verhalten bestätigt werden.
Und so verstärkt es sich.
Wir identifizieren uns mit bestimmten Aspekten und Anteilen in uns,
Die gewünscht und hilfreich sind.
Und andere Facetten unseres Selbst agieren wir vielleicht gar nicht mehr aus.
Sie sind da,
Aber wir entfalten sie dann nicht.
Und mit diesem Selbstbild gehen wir dann ins Erwachsenenleben,
Und da wir uns ja unseres Rollenverhaltens gar nicht bewusst sind,
Machen wir einfach weiter mit dem,
Was wir schon kennen und was sich bewährt hat.
Irgendwann stoßen wir dann in der Enge dieses Rollenkorsetts an Grenzen und im besten Falle brechen wir dann aus.
Aber das kann ich dir sagen,
Das ist nicht selten ein schmerzhafter Prozess,
Der jede Menge innerer Arbeit erfordert,
Und oft wird er erst nach richtig großen Problemen,
Lebensumbrüchen oder Krankheiten angegangen.
Michael ist Manager und er wirkt sehr straight.
Er hat eine fabelhafte Karriere gemacht und er ist der Stolz der Eltern.
Michael lehnt jede Schwäche ab.
Er funktioniert immer.
Krank sein kennt er nicht,
Augen zu und durch.
Michael versteht überhaupt nicht,
Wie sich andere so gehen lassen können.
Sein Leben war wie ein Bauplan.
Schule,
Studium,
Karriere,
Familie,
Erfolg.
Alles richtig gemacht.
Wenn man mit ihm spricht,
Merkt man die starke Selbstkontrolle.
Sehr,
Sehr oft spricht er von seinem Vater.
Michaels gut geplantes Leben ist wie ein Kartenhaus zusammengebrochen.
Burnout.
Plötzlich.
Das haute ihn total aus den Latschen.
Bei seinem Selbstverständnis und seiner familiären Rolle als Pflichterfüller und Kopie des hochgeehrten Vaters konnte er diesen Einbruch überhaupt nicht mit sich zusammenbringen.
Aber das wird ihm erst deutlich,
Als er die Rolle seiner Kindheit wiedererkennt,
Die er ganz selbstverständlich weitergelebt hatte.
Michael ging einfach immer weiter über seine Grenzen hinweg,
Bis der Körper die Reißleine zog.
In Gesprächen mit seinem Bruder,
Zu dem er viele Jahre keinen Kontakt hatte,
Kommt die ganze systemische Verstrickung ans Licht.
Während Michael nämlich schon als Kind versuchte,
So perfekt und erfolgreich zu sein wie der Vater und so dessen Wohlwollen zu bekommen,
War sein Bruder Paul schon als Kind ganz anders.
Ihm ging es schon in jungen Jahren an die Nieren,
Dass ihm sein großer Bruder ständig als Vorbild hingestellt wurde,
An dem er sich eine Scheibe abschneiden sollte.
Paul wusste nie so richtig,
Was er wollte.
Er hat viel ausprobiert in seinem Leben und er hatte irgendwie nie das Gefühl,
Richtig anzukommen.
Aber er war ein Lebenskünstler.
Auch wenn es niemand ausgesprochen hat,
Er fühlte sich innerlich wie ein Versager.
Und diese Rolle bestätigte er sich in seinem Leben immer wieder versehentlich selbst.
Er fing viele Dinge an,
Aber er konnte irgendwie nichts zu Ende führen.
Die Lobgesänge auf den erfolgreichen Bruder konnte er als Erwachsener einfach nicht mehr ertragen und hat sich deshalb innerlich von seinem Bruder abgewandt.
Auch von den Eltern distanzierte er sich.
Er fühlte sich dort einfach nie gesehen und verstanden.
Michael und Paul,
Die reden heute darüber,
Wie es aus Pauls Sicht gewesen ist,
Immer mit diesem Bruder verglichen zu werden,
Der auf einem Podest stand und unerreichbar war.
Michaels Zusammenbruch war es,
Der diese neu gelebte Geschwisterbeziehung möglich gemacht hat.
Sie verstehen ihre Lebenswege und ihre unterschiedlichen Motive und Lebensstrategien heute auf eine ganz neue Weise und es bringt beiden etwas.
Michael,
Der Perfektionist,
Profitiert unglaublich von Pauls lebenskünstlerischem Talent,
Von seiner Kreativität und Lebendigkeit und Spontanität.
Michael entdeckt dabei nämlich nach und nach seine abenteuerlichen,
Wilden und freien Aspekte in sich selbst wieder,
Die er lange verdrängt hatte zugunsten der großen Disziplin.
Das macht Michael viel lebendiger und bringt ihn in Kontakt mit seinen Gefühlen.
Paul dagegen,
Der profitiert von der Geradlinigkeit und Struktur,
Die Michael mitbringt und von der Fähigkeit zu planen und zu analysieren.
Da wächst etwas ganz besonderes für beide,
So als wäre eine Tür aufgegangen,
Die lange verschlossen war.
Anna ist mit 15 auf die schiefe Bahn geraten,
Sie hat Drogen genommen,
Sie hatte die falschen Freunde und sie verlor eine Zeit lang völlig die Orientierung.
Ihre Mutter war vor kurzem gestorben.
Annas einziger Halt war die große Schwester,
Die,
Obwohl sie nur wenige Jahre älter war,
Die Mutterrolle für Anna übernahm.
Lisa war Annas ganzer Halt.
Lisa war immer da,
Sie wusste immer,
Was zu tun ist,
Von ihr lernte Anna,
Was im Leben wichtig ist und richtig ist und wie man es macht.
So überwand Anna auch die Drogengeschichten und die falschen Freunde.
Sie machte ihr Abitur nach,
Sie studierte und wurde Ärztin in einer großen Stadt.
Ihre Praxis war so bekannt,
Dass Menschen von weit her anreisten,
Um von Anna behandelt zu werden.
Auf internationalen Kongressen spricht sie über ihr Fachgebiet.
Und doch,
Bei aller Kompetenz,
Ist Anna immer noch nicht sicher,
Ob sie alles richtig macht.
Sie hat furchtbare Angst,
Etwas falsch zu machen.
Deshalb fragt Anna heute noch ihre Schwester,
Was sie tun soll,
Welche Männer sie daten soll,
Wie sie ihr Geld anlegen soll,
Welches Auto fahren,
Wohin in den Urlaub fahren.
Lisa erfüllt die Mutterrolle immer noch.
Sie weiß immer,
Was das Beste ist für Anna.
Sie fühlt sich für sie verantwortlich,
Sie entscheidet mit,
Sie redet rein,
Sie hat für alles eine Meinung und ein Urteil parat.
Die beiden spielen Mutter und Kind.
Immer noch.
Als Anna wegen eines Beziehungsthemas zu mir kommt,
Ist sie das erste Mal nicht mit Lisas Einschätzung zufrieden.
Anna rebelliert.
Sie erkennt,
Dass sie selbst entscheiden will,
Dass ihre Schwester ganz anders ist als sie und dass das Richtig von Lisa nicht ihr eigenes Richtig sein muss.
Anna macht sich also auf den Weg zu sich selbst und lernt,
Selbstbestimmte Entscheidungen zu treffen,
Die sich stimmig für sie anfühlen.
In ihr bricht etwas auf und eine neue Kraft erwächst daraus.
Und so streift sie nach und nach die Reste der Kinderrolle in Bezug auf ihre Schwester ab und nimmt eine Erwachsenenhaltung ein.
Allerdings bringt das auch einen Loyalitätskonflikt zu Lisa mit sich.
Schließlich hat sie ihr so viel zu verdanken.
Ist es da nicht undankbar,
Nicht mehr auf Lisas Meinung zu hören?
Annas Learning in unserer Zusammenarbeit ist folgendes.
Sich selbst zu entsprechen und seine eigenen Maßstäbe zu setzen,
Nimmt Lisa nichts weg.
Sie liebt ihre Schwester und ist ihr dankbar.
Denn er erlaubt sich Anna von nun an ihren eigenen inneren Kompass zu verwenden und sie bittet Lisa ihr dabei zu vertrauen und das Übermaß an Fürsorglichkeit loszulassen.
Es dauert eine Weile,
Aber nach anfänglichen Schwierigkeiten kommen die beiden langsam auf Augenhöhe.
Anna darf in ihre natürliche Größe und ihr natürliches Selbst auch gegenüber ihrer Schwester hineinwachsen.
Lisa darf aufhören ihre Mutter zu sein und Annas Verantwortung mitzutragen,
Denn auch das ist eine Belastung.
Und du?
Hast du dich in irgendeiner der Rollen wiedererkannt?
Worüber hast du dich früher definiert?
Was war deine Rolle in deiner Herkunftsfamilie?
Denk mal ganz in Ruhe darüber nach und schau dann,
Wo in deinem Leben du heute noch diese Rollen einnimmst und ob sich das stimmig für dich anfühlt.
Gibt es da vielleicht auch verdeckte Aufträge,
Die mit deinen früheren Rollen verbunden waren?
Die verdeckten Aufträge im Familiensystem sind wie eine Art unterschwellige Vereinbarung und sie werden nicht ausgesprochen.
Sie existieren eher so als Hintergrundrauschen im Familiensystem,
Aber als Kinder sind wir super empfänglich für das,
Was von uns erwartet wird.
Mach mich glücklich,
Könnte so ein Auftrag sein.
Sei mein Sonnenschein.
Mach mich stolz.
Sei für mich da.
Das sind häufig solche verdeckten Aufträge,
Genauso wie sei der Vermittler.
Die Vermittlerrolle ist in Familiensystemen besonders häufig anzutreffen,
In denen es Schwierigkeiten gibt,
Konflikte konstruktiv zu lösen oder überhaupt welche auszutragen.
Aber auch sei der Sündenbock für unsere ungeklärten Themen im Familiensystem ist eine sehr typische Rolle,
Die häufig in dysfunktionalen Familien vorkommt und im Teil 2 meiner kleinen Familienserie werden wir uns speziell mit diesem Thema beschäftigen.
Dann wird es um narzisstisch geprägte Familiensysteme gehen und die ganz typischen Strukturen und Umgangsformen,
Die dort anzutreffen sind.
Lass uns noch einen Blick werfen auf die Geschwisterhierarchie,
Die Rangfolge der Geschwister.
Das ist so etwas wie eine Rangfolge und der Geschwistern gibt es ja allgemein bekannt.
Die Geschwisterhierarchie durch den Zeitpunkt der Geburt hat einen starken Einfluss auf eben diese Rollen später in unserem Leben.
So genießen ja beispielsweise Erstgeborene wie auch die Einzelkinder erst einmal die uneingeschränkte Zuwendung der Eltern.
Jedes Kind,
Das später geboren wird,
Muss mit weniger Aufmerksamkeit der Eltern auskommen,
Außer es ist krank oder braucht mehr Aufmerksamkeit.
Allerdings bedeutet das ja auch für die ältesten Geschwister,
Dass sie gefühlt vom Thron der Aufmerksamkeit gestoßen werden und mehr Verantwortung übernehmen müssen.
Das prägt sie oft auch im Erwachsenenleben.
Bei den Geschwisterpositionen ist natürlich auch von Bedeutung,
Ob es sich um das mittlere von drei Kindern in der Sandwich-Position,
Eines der mittleren Kinder von mehreren Geschwistern oder um das allerjüngste handelt.
Sandwich-Kinder sind oft Vermittler und fühlen sich irgendwie zwischen den Stühlen.
Das jüngste Kind ist oft der Sonnenschein der Familie und geht auch später mit einer gewissen Leichtigkeit durchs Leben.
Wenn die Kinder aus verschiedenen Beziehungen stammen,
Wie zum Beispiel in Patchwork-Familien,
Kann das natürlich auch einen Einfluss auf die Position innerhalb der Familie haben,
Genauso wie die Anzahl der Geschwister überhaupt oder ihr Altersabstand.
Fairness und Gleichbehandlung unter den Geschwistern,
Das ist ein ganz häufiges Thema in der Familiendynamik,
Das sich bis ins Erwachsenenalter hineinzieht.
Na klar,
Die meisten Eltern haben die Absicht,
Alle Kinder gleich zu behandeln,
Aber irgendwie ist das auch eine Illusion,
Besonders weil sich die Kinder oft sehr unterscheiden und durchaus Unterschiede in den Beziehungen zwischen den Eltern und dem einzelnen Kind da sind,
Und zwar bewusst oder eben auch unbewusst.
Davon können die meisten ein Lied singen.
Auch die Frage Junge oder Mädchen hat hier einen großen Einfluss.
Ich erinnere mich an eine Klientin,
Die unter unglaublichen Scham und Schuldgefühlen litt,
Nur weil sie nicht der Junge war,
Den sich der Vater gewünscht hatte.
Sie hat ihr ganzes Leben lang versucht,
Ihr Verhalten auf männlich zu trimmen,
Und zwar wegen des unbewussten Wunsches,
Doch noch die Anerkennung des Vaters zu bekommen.
Kinder haben ein unglaublich feines Gespür und merken genau,
Welche Erwartungen und Bevorzugungen Eltern haben.
Das Gefühl,
Mein Geschwisterkind ist eigentlich das Lieblingskind meines Vaters oder meiner Mutter,
Oder ich bin nicht so,
Wie ich sein sollte,
Kann Menschen auch im Erwachsenenalter stark belasten.
Auch Geschwisterbeziehungen sind nicht statisch,
Sie entwickeln sich durch verschiedene Phasen.
Geschwisterbeziehungen sind wie alle Beziehungen lebendige Prozesse und sie durchlaufen daher in vielen Fällen bestimmte Stadien.
Das ist relativ gut erforscht.
Unser Verhältnis zu Brüdern und Schwestern ist ja wie gesagt meist die längste Beziehung unseres Lebens und wir können diese Beziehung nicht beenden.
Wir können sie auf Eis legen,
Wir können Distanz halten,
Aber diese Beziehung existiert dennoch und sie wirkt auf uns.
Solange wir klein sind,
Verbringen wir ja sehr viel Zeit mit den Geschwistern,
Schon allein deshalb,
Weil wir ja in der gleichen Familie aufwachsen und viele Erfahrungen teilen.
Werden wir erwachsen,
Nehmen dann aber erst einmal unsere Partnerschaften deutlich mehr Raum ein.
Zwischen 20 und 30 zeigt sich,
Wie gut oder weniger gut die Beziehung zu unseren Geschwistern ist,
Denn wir haben in dieser Lebensphase die Freiwilligkeit,
Die Beziehung zu gestalten.
Und es ist ja ganz anders als im Kindesalter,
Wo wir überhaupt nicht wählen können,
Ob Bruder oder Schwester in unserer Nähe sein sollten oder nicht.
Interessanterweise flackern zwischen 40 und 50 zwischen den Geschwistern häufig die alten Konflikte wieder auf.
Entweder sind das ungeklärte Familienthemen,
Die zwischen den Geschwistern stehen und auf die diese Geschwister eine andere Sicht haben,
Oder auch mit denen jeder seinen eigenen Umgang gefunden hat.
Oft sind es aber auch alte Rivalitäten,
Die wieder aufbrechen,
Wenn es etwa um die verschiedenen Rollen und die damit verbundenen alten Gefühle in der Herkunftsfamilie geht.
Schließlich ist es ja so,
Dass zwischen 40 und 50 dann oft auch die Eltern sterben und in der Trauer kommen eben auch alte Themen und altes Leid wieder hoch.
Jemand,
Dem die große Schwester ewig als leuchtendes Vorbild hingestellt wurde,
Hat vielleicht immer noch das Gefühl,
Nicht wichtig zu sein oder hinten angestellt worden zu sein.
Das kann in dieser Lebensphase wieder aufbrechen.
Und du weißt ja,
Wie stark unsere Glaubenssätze,
Unsere inneren Identitäten und unsere aus der Kindheit mitgebrachten Befürchtungen uns auch im Jetzt und Hier beeinflussen.
Noch gar nicht so lange her,
Da habe ich in der Episode Negative Glaubenssätze ganz ausführlich darüber gesprochen,
Wie du damit arbeiten kannst.
Aber auch die Episode Das böse Ich beschäftigt sich mit den inneren Haltungen und wie wir sie verändern können.
Ich verlinke dir die beiden Episoden wie immer in den Shownotes.
Hör da gerne nochmal rein.
Und du findest sie natürlich auch,
Wenn du in deiner Podcast-App nach unten scrollst und mal durchschaust.
Im Alter übrigens,
Und das finde ich auch sehr bemerkenswert,
Kommt es zwischen den Geschwistern dann oft wieder zu Versöhnungen oder zumindest zu einer Wiederannäherung.
Denn,
Das muss man ja auch sagen,
Nicht selten sind die eigenen Geschwister ab einer bestimmten Altersgrenze das Einzige,
Was einem noch aus der Ursprungsfamilie geblieben ist.
Ja,
Da kommt vielleicht auch bei dir beim Hören die Frage auf,
Wie kann ich denn den Kontakt zu meinen Geschwistern wiederfinden?
Klar,
Es gibt da keine Patentrezepte,
Aber ich möchte dir wirklich Mut machen,
Einen Versuch zu starten,
Wenn du einen inneren Wunsch verspürst,
Wieder mehr Nähe zu Bruder oder Schwester zu finden und die alten Gräben zu überwinden,
Wenn es denn welche gibt.
Es ist nie zu spät,
Brücken zu schlagen und man kann eigentlich nur gewinnen,
Wenn man es versucht.
Wichtig ist dabei,
In einer Haltung von Wohlwollen und Verständnis auf seine Geschwister zuzugehen.
Erkunden zu wollen,
Was ist der Grund dafür,
Dass meine Schwester oder mein Bruder vielleicht weniger Interesse an Kontakten hat.
Denk bitte daran,
Dass ihr unterschiedliche Erfahrungen in ein und derselben Familie gemacht habt und dass deine Schwester oder dein Bruder ihre oder seine Kindheit anders erlebt hat als du und auch andere Schlussfolgerungen daraus gezogen hat.
Wenn man dafür offen ist und sich für diese Geschichte interessiert,
Auch wenn man selbst vielleicht eine ganz andere Sicht hat,
Dann lassen sich eben wirklich sehr oft Brücken schlagen.
Vielleicht haben die Eltern das Geschwisterkind ja irgendwie benachteiligt,
Zumindest aus dessen Perspektive.
Vergiss nicht,
Dass die Sichtweisen,
Die Wahrnehmung des Erlebens jedes einzelnen Familienmitglieds ganz unterschiedlich sein können.
Und niemand lässt sich seine Wahrheit gerne wegnehmen.
Und da gibt es nur eins,
Echtes Interesse.
Echtes Interesse und Offenheit öffnet die Türen und schafft in der Regel für alle neue Sichtweisen und Möglichkeiten.
Lass alle Vorurteile,
Belehrende Zeigefinger oder eigene Bewertungen weg.
Vorwürfe oder Forderungen haben ja auch gar nichts verloren.
Vielleicht war da irgendeine massive Kränkung aus Sicht der Schwester oder des Bruders,
Die du gar nicht wahrgenommen hast.
Mach den ersten Schritt und warte nicht,
Bis ihr alt und grau seid.
Sprich eine Einladung aus und geh auf deine Geschwister zu.
Wenn es nicht funktioniert,
Dann hast du es versucht.
Das ist auch schon sehr viel.
Und vielleicht kommt ja dann später irgendwann eine Reaktion.
Einen ersten Schritt zu machen,
Das geht zum Beispiel so.
Weißt du,
Ich frage mich schon lange,
Warum der Kontakt zwischen uns eingeschlafen ist.
Es gibt ja so viel,
Das wir von früher her miteinander teilen.
Und ich wünsche mir sehr,
Dass wir wieder mehr Kontakt haben.
Vielleicht wollen wir uns mal treffen und darüber reden,
Was da jeder von uns so mit sich herum trägt.
Das würde mir viel bedeuten.
Was hältst du davon?
So oder so ähnlich könnte eine offene Einladung zum Gespräch sein.
Die Methode der gewaltfreien Kommunikation eignet sich dazu hervorragend.
Und auch dazu findest du in den Podcast-Episoden von Leben lieben lassen viele Beispiele und Anleitungen.
Es wird Zeit für eine kleine Zusammenfassung.
Die Beziehung zu unseren Geschwistern ist eine der prägendsten und intensivsten unseres Lebens.
Selbst wenn wir uns voneinander distanzieren,
Verbindet uns die gemeinsame Geschichte und der gemeinsame Ursprung.
Wenn wir klein sind,
Nehmen wir bestimmte Rollen im Familiensystem ein.
Jedes Geschwisterkind findet seine eigene Position,
Die ihm die elterliche Aufmerksamkeit sichern soll.
Oft genug sind diese Rollen einseitig oder starr,
So dass wir im Erwachsenenleben damit an Grenzen stoßen können.
Und irgendwann kommt der Punkt,
Da helfen uns diese Rollen nicht mehr weiter.
Sie strengen uns dann eher an,
Machen unser Leben eindimensional und eng,
Hindern uns vielleicht daran,
Wir selbst zu sein.
Oder sie sorgen dafür,
Dass wir die Freude am Leben verlieren und uns sinnlos fühlen.
Und genau dann macht es Sinn,
Sich mit seiner Rolle in der Ursprungsfamilie zu beschäftigen und sich auch das Verhältnis zu den Geschwistern dabei in einem größeren systemischen Zusammenhang anzusehen.
Wer hatte welche Position inne?
Warum war das so wichtig?
Was war die Funktion dieser Rolle?
Will ich das heute noch?
Ist es für mich hilfreich?
Fühle ich mich damit wohl?
Oder was will ich eigentlich stattdessen?
Und dann kann man sich auf den Weg machen,
Die alten Rollen loszulassen und sich neu zu entwerfen,
Um sich wirklich selbst treu zu bleiben und zu entsprechen.
Und das zu begleiten,
Ist für mich ganz wunderbar.
Ich wünsche Dir viel Kraft dabei.
Alles Liebe,
Deine Claudia.
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