
Von Wellen Und Weisheit – Einschlafgeschichte zum Loslassen
by Katja Ollech
Eine kleine Begegnung am Meer wird zu einer leisen Erinnerung an das, was uns wirklich trägt. Während die Wellen kommen und gehen, entsteht ein Bild davon, wie wichtig ein stabiles Fundament ist – für Sandburgen ebenso wie für unser Herz. Eine Einschlafgeschichte für alle, die heute Abend sanft loslassen und in einen tiefen Schlaf gleiten möchten.
Transkription
Von Wellen und Weisheit Oh,
Eine große Welle!
Dieses Mal kommt eine ganz große!
Sie lachte ein helles Glöckchenlächeln und planschte dabei mit den Füßen auf und ab.
Ich tat es ihr nach,
Hob abwechselnd den linken und den rechten Fuß in die Luft und ließ ihn dann schmuckvoll ins Wasser sausen,
Sodass die littene Gischt hoch in die Luft spritzte.
Da,
Da!
Sie zeigte mit dem Finger aufs Meer hinaus,
Und ihre Stimme überschlug sich fast vor Aufregung.
Die Sonne hing golden über uns,
Während sich die Welle zunächst immer mehr auftürmte,
Dann jedoch sanft verebte und schließlich ganz auslief.
Oh,
Doch nicht!
Ihre Mundwinkel sackten nach unten,
Dann straffte sie die Schultern.
Mit fester Stimme sagte sie,
Die nächste wird bestimmt eine große sein,
Und um ihren Worten Gewicht zu verleihen,
Streckte sie die dünnen Arme in den Himmel und legte ihren Kopf in den Nacken.
Ihr stroblondes Haar fiele dabei auf ihren leicht gebräunten Rücken.
Dann hob sie den Kopf wieder und sah mir direkt in die Augen,
So ernst,
Wie es nur kleine Kinder tun können.
Weißt du,
Als ich noch klein war,
Hatte ich Angst vor dem Wasser,
Sagte sie bedeutsam.
Wie alt bist du denn jetzt?
Fragte ich sie.
Sieben.
Sie streckte mir ihre beiden kleinen Hände entgegen,
Davon sieben Finger in der Luft.
Und jetzt hast du keine Angst mehr?
Nein,
Jetzt bin ich ja groß.
Wollen wir an den Strand zurückgehen,
Schlug ich vor.
Oh ja,
Dann zeige ich dir,
Wie man eine Sandburg baut.
Ich erhob mich schwerfällig wie ein gestrandeter Wal aus dem seichten Wasser,
Während sie leichtfüßig über den warmen weißen Sand hüpfte und sich ein paar Meter weiter darauf fallen ließ.
Ich folgte ihr und setzte mich neben sie.
Auf den Knien hocken,
Grub ich meine Finger in den körnigen Sand und thümte ihn aufeinander.
Doch je mehr ich ihn aufschichtete,
Desto mehr rieselte er wieder herunter.
Da unterbrach sie mich lachend,
Du machst das völlig falsch.
Ja?
Wie muss ich es denn machen?
Bitte zeig es mir!
Sie grub ihre Finger ebenfalls tief in den Sand und nahm eine Hand voll davon in ihre kleinen Hände.
Den Haufen legte sie vorsichtig auf den Strand ab und drückte ihn ringsherum mit den Handflächen fest,
Sodass dieser nun einer halben Kugel glich.
Jetzt musste es oben plattdrücken.
Ich tat,
Was sie mir auftrug,
Und sie war begeistert.
Genau so,
Jubelte sie.
Dann kam eine Welle und spülte alles weg.
Lediglich die Grundfesten unserer Sandburg standen noch.
Wir bauten eine neue.
Wieder kam eine Welle und spülte alles weg.
Wie blöd,
Mummelte ich.
Wir müssen dahin gehen,
Wo der Sand fester ist,
Sagte sie und deutete nach oben.
Meine Mama hat mir mal erklärt,
Dass man ein gutes Fundament braucht,
Um etwas aufzubauen.
Ich hob eine Augenbraue.
Du weißt,
Was ein Fundament ist?
Ja klar,
Ein Boden,
Der so stark und fest ist,
Dass man alles darauf bauen kann,
Ganz egal wie groß oder hoch es ist.
Sie machte eine bedeutungsvolle Pause.
Mama sagt auch,
Dass das auch für uns Menschen gilt.
Es schien,
Als wäre sie für eine Sekunde in Gedanken ganz woanders,
So als müsse sie sich die Erinnerung zurückholen.
Dann fuhr sie mit ernster Miene fort.
Wir müssen erst ein gutes Fundament haben,
Damit wir über uns hinauswachsen können.
Dann können wir alles im Leben erreichen,
Was wir uns wünschen.
Ich sah sie mit großen Augen an.
Da stand dieses kleine Mädchen vor mir in ihrem rosa-weiß gestreiften Badeanzug wie eine Große.
Weiser als so manch Erwachsener,
Dachte ich erstaunt.
Deine Mama scheint eine sehr kluge Frau zu sein,
Sagte ich schließlich.
Ja,
Das ist sie,
Antwortete sie,
Und ein Lächeln breitete sich über ihr gesamtes Gesicht aus.
Ihre Wangen blühten vor Stolz.
Wir bauten noch eine weitere Sandburg.
Dieses Mal blieb sie stehen,
Während Welle um Welle kam,
Nur um sich dann wieder zurück ins tiefe blaue Meer zu ziehen.
Die Sonne sank langsam über dem Horizont und färbte den Himmel in ein Gemälde aus rot-rosa Farben.
Das Licht wurde sanfter,
Die Hitze verlor ihre Kraft.
Irgendwann verabschiedete ich mich von ihr.
Als ich später im Bett lag,
Hörte ich das Meer immer noch in meinen Ohren rauschen,
Gleichmäßig im Takt meines Atems.
Manchmal braucht auch unser Herz so einen festen Boden,
Einen Ort,
An dem es sein darf,
Ohne Angst weggespült zu werden.
Und während das Rauschen des Meeres auch für dich immer leiser wird,
Wirst du auch innen ganz ruhig.
Welle für Welle rollt ans Ufer und trägt dich sanft in einen erholsamen Schlaf.
Immer tiefer gleitest du hinein,
In einen tiefen,
Festen Schlaf.
Immer mehr,
Stück für Stück.
Denn du liegst auf einem festen Boden,
Sicher und beschützt.
Du atmest ein,
Du atmest aus und dann lässt du ganz langsam los.
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