
Doing Nothing - Geweihte Zeit
by Rani Kaluza
... Eines Tages fing es an, dass ich immer weniger Verabredungen in meinen Terminkalender notierte. Zeilen, Abschnitte, ganze Seiten blieben leer, bis auf nur wenige belanglose Notizen. Die einzige Verabredung, die mir noch wichtig erschien, war die mit der Zeit. Diese Verabredung war es auch, wo ich mich wieder ansammelte, anfing Atem zu haben, anfing Beine zu haben, Arme, anfing eine neue Art von Körper zu haben, der am Ende, das wusste ich, ein Lächeln tragen würde wie eine Krone …
Transkription
Doing nothing,
Geweihter Zeit.
Eines Tages fing es an,
Dass ich immer weniger Verabredungen in meinen Terminkalender notierte.
Zeilen,
Abschnitte,
Ganze Seiten blieben leer bis auf wenige belanglose Notizen.
Anfangs hatte ich noch so getan,
Als würde ich nach einem Termin suchen müssen,
Wenn ich um eine Verabredung gebeten wurde.
Tatsächlich aber schaute ich weder in meinen Kalender,
Noch schrieb ich etwas dort hinein.
Falls ich zusagte,
Bewahrte ich es in meinem Gedächtnis auf.
Und wenn ich es vergaß,
War es wohl auch nicht so wichtig.
Die einzige Verabredung,
Die mir noch wichtig erschien,
War die mit der Zeit.
Diese Verabredung war es auch,
Wo ich mich wieder ansammelte.
Anfing,
Atem zu haben.
Anfing,
Beine zu haben,
Arme.
Anfing,
Eine neue Art von Körper zu haben,
Der am Ende,
Das wusste ich,
Ein Lächeln tragen würde,
Wie eine Krone.
Völlig absichtslos sein,
Sinn und Zweck nicht kennen müssen,
Nur wahrnehmen.
Im Inneren die Gefühle,
Die Gedanken,
Die Empfindungen des Körpers,
Im Äußeren die Atmosphäre des Raumes,
In dem du bist und wo gerade nichts passiert.
Nicht tun,
Wie die Sonne ihr Licht auf alles scheinen lässt,
Ohne zu urteilen.
Lässt man zunächst seine Aufmerksamkeit in sich selbst hineinscheinen und schließt dabei die Augen.
Wie geht es dir?
Ganz ehrlich,
Wie ist es für dich jetzt,
An diesem Tag,
In diesem Raum,
In diesem Körper zu sein?
Du könntest dich müde fühlen,
Rastlos,
Unsicher oder liebevoll,
Genervt oder neugierig.
Alle Zustände,
Alle Gefühle sind willkommen,
Ohne Angst haben zu müssen,
Bewertet zu werden.
Wenn etwas nicht perfekt genug erscheint,
Ist das jetzt in Ordnung.
Wenn etwas zu schwach oder zu stark erscheint,
Ist das jetzt in Ordnung.
Nichts braucht verändert zu werden.
Alles hat die Erlaubnis,
Sich so zu zeigen,
Wie es jetzt gerade ist.
Kannst du den inneren Raum wahrnehmen,
Der zwischen dir und den Gedanken ist?
Kannst du die geheimnisvolle Stille wahrnehmen,
Die in dir ist?
Es tut gut,
Den Rücken aufzurichten.
Den Rücken aufzurichten gleicht einer Pflanze,
Die sich zum Himmel hin ausrichtet.
Es hat innerlich eine ordnende und klärende Wirkung.
Die Sonne,
Sie beleuchtet nur das,
Was sich ihr zwanglos hinhält.
In gleicher Weise bringe auch du nicht Tiefe ein in das,
Was sich dir im Innern zeigt.
Drehe und wende nichts herum,
Mache nichts größer oder kleiner als es ist.
Suche nicht nach Ursachen und Lösungen.
Dies ist nicht die Zeit,
Therapeutisch mit dir zu arbeiten.
Es ist die Zeit der Weisheit,
Und sie lehrt dich dazu ein,
Komplett unperfekt zu sein.
Vollkommen und vollkommen.
Ganz du selbst.
Nur wahrnehmen und nicht tun.
Anfangs fühlte ich mich dabei manchmal wie eine trockene,
Graue Teerose,
Welche legt man sie in warmes Wasser,
Als bald grünt und die Form einer offenen Blume annimmt.
Auf diese Weise spürte ich in meinem Innern,
Wie schon fast tot geglaubte Anteile meiner selbst langsam wieder zum Leben erwachten,
Sich entfalteten,
Sich auszurollen schienen und in den Raum hinaus streckten.
Du kannst dem absichtslosen Dasein täglich ein paar Minuten weihen oder dich längere Zeit darauf einlassen.
Eine Stunde,
Einen Tag,
Mehrere Tage,
Wie lange auch immer,
Jede Minute ist kostbar.
Niemals verschwendest du deine Zeit.
Im Gegenteil,
Du segnest sie.
Sehen,
Hören,
Riechen,
Schmecken,
Fühlen.
All das geschieht von allein.
Das Ticken einer Uhr,
Das Rauschen des Windes draußen in den Bäumen,
Die zarte Staubschicht auf einer Vase,
Licht,
Das auf den Blättern einer Pflanze glänzt,
Das Gefühl von Traurigkeit im Bauch.
Zuerst geht es darum,
Zu sich selbstehrlich zu sein,
Sich zu fühlen und zu lassen,
Wie man gerade ist.
Dabei zeigst du dich dem eigenen Licht und schließt Freundschaft mit dir selbst.
Dann bist du eingeladen,
Dich dem Leben zu zeigen und mit ihm Freundschaft zu schließen.
In der Offenheit des Hier und Jetzt ist das Leben immer anwesend,
Immer nah.
Wenn du also mit geschlossenen Augen eine Zeit lang nach innen geschaut hast und bei dir selbst angekommen bist,
Öffne deine Augen,
Achte darauf,
Dich nicht wieder zu verschließen.
Lass die Tür zu deinem Inneren offen.
Lass deine inneren,
Hochsensiblen Fühlaugen offen,
Auf dass sie aus deinem Körper heraus blicken dürfen.
Intuitiv,
Spürsehend nimmst du nun deine Umgebung wahr,
Den Raum,
In dem du bist.
Gleichzeitig siehst du alles mit den organischen Augen.
Wow,
Offenheit ist da.
Ein Gänseblümchen,
Es versucht nicht,
Eine Rose zu sein.
Ein Tannenbaum,
Er versucht nicht,
Wie eine Eiche zu werden.
Ein Löwe,
Er tut nicht so,
Als sei er ein Schaf.
Er riecht auch ganz anders.
In gleicher Weise versuche auch du,
Niemand anderes zu sein,
Als du selbst.
Sei völlig ungekünstelt,
Einfach und ohne jegliche innere Zensur.
Und lass dich sehen,
Offenbare,
Zeige dich,
Nicht der geliebten Person,
Sondern dem Leben selbst,
Das in seiner stillen Präsenz im Raum steht und vielleicht schon lange auf dich wartet.
In Offenheit gegenwärtig zu sein,
Ist eine hohe Kunst und normalerweise nicht etwas,
Das wir gelernt haben.
Nicht etwas,
Das in unserer Kultur geschätzt wird,
Als eine kostbare Möglichkeit,
Dem Leben zu begegnen.
Im Grunde lernen wir,
Wie selbstverständlich genau das Gegenteil,
Nämlich Offenheit in jeder Hinsicht zu vermeiden.
Das soll Sicherheit vermitteln,
Kontrolle und das Gefühl,
Das Leben jederzeit im Griff zu haben.
All dies fehlt aber in der Erfahrung von wahrer Offenheit,
Auf positive Weise.
Sie erinnert bisweilen an jenen berühmten Zauber,
Der allen Anfängen in ihr wohnt,
An die aufregende Unsicherheit des ersten Kurses,
An das zittrige und zugleich berauschende Gefühl,
Zum ersten Mal allein zu verreisen,
An Situationen,
Die allesamt neu sind,
Aus bekannten Pfaden herausführen und die nie so umfassend geplant werden können,
Dass sie ihre Ungewissheit und damit ihre Magie verlieren.
Wenn ich da sitze und nichts tue,
Kommt es mir manchmal vor,
Als wäre alles,
Was ich noch mache,
Dem Stuhl,
Dem Tisch,
Der Atmosphäre des Raumes Gesellschaft zu leisten und zu bemerken,
Wie die Schatten langsam wandern,
Wie das Sonnenlicht mich schließlich erreicht,
Zuerst meine Hände,
Auch wenn es auf den ersten Blick nicht immer einleuchtet,
Die Dinge,
Die Pflanzen,
Die Lebewesen,
Das Licht,
Alles ist in Wahrheit von Bewusstheit,
Liebe und Stille durchdrungen,
Erscheinungsformen Gottes im universellen Sinne.
Wir alle sind Teil davon,
Im Austausch durch unsere Offenheit.
Von den vielen Erfahrungsmöglichkeiten im Nichts zu entspannen sind am schönsten wohl jene,
Die auf natürliche Weise passieren.
Mühelloses,
Beinahe selbstvergessenes Dasein,
Als ob wir aus einem wogenden Ozean heraus liebevoll an einen leeren Strand gespült worden sind,
Gestrandet,
Ausgespuckt von den Wellen,
Nachdem sie uns eine ganze Ewigkeit,
So schien es,
Durchgeschaukelt hatten.
Bewusstes Innehalten hingegen bedeutet die Entscheidung für eine gewisse Zeit lang,
Alles zu lassen,
Wie es ist,
Und zu sinken,
Wie eine leichte Feder,
Wie Staub,
Der sich unendlich langsam auf die Erde legt,
Um klar zu werden,
Innerer,
Äußerer Raum,
Weltinnenraum,
Auf das die Sterne sich sehen lassen durch den Nebel der Ignoranz und die Weite durch unsere Meridiane weht,
Auf das das Nichts an uns duftet.
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