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Die Angst, die sich als Stärke tarnt- Hyper-Unabhängigkeit

by Claudia Bechert-Möckel

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Ich kann mich nur auf mich selbst verlassen – anderen zu vertrauen, fällt mir schwer. Deshalb übernehme ich gerne die Kontrolle und kann mich nur schwer auf Beziehungen einlassen. Wenn die eigene Stärke zum Schutzpanzer wird, der einen von der Verbindung zu anderen trennt - wenn die glänzende Rüstung der zur Schau gestellten Super-Autonomie einen zwar unverwundbar, auch aber einsam macht, dann steckt dahinter meist die sogenannte Hyper-Unabhängigkeit, auch bekannt als Hyper-Independence. Das sieht beeindruckend und mächtig aus, diese „Ich brauche niemanden“- Haltung, doch hinter diesem extrem starken Unabhängigkeitsbedürfnis steckt oft eine gewaltige, aber verdeckte Angst – die Angst nicht vertrauen zu können, nur alleine klarzukommen, keine Sicherheit in Beziehungen zu finden. Zum Glück kann man lernen, sich davon zu befreien und die Rüstung auch mal abzulegen.

Transkription

Ich kann mich nur auf mich selbst verlassen,

Anderen zu vertrauen,

Das fällt mir schwer.

Deshalb übernehme ich auch gerne die Kontrolle und kann mich eigentlich nur schwer auf Beziehungen einlassen.

Wenn die eigene Stärke zum Schutzpanzer wird,

Der einen von der Verbindung zu anderen trennt,

Wenn die glänzende Rüstung der zur Schau gestellten Superautonomie einen zwar unverwundbar,

Aber auch einsam macht,

Dann steckt dahinter meist die sogenannte Hyperunabhängigkeit,

Auch bekannt als Hyperindependence.

Sowas sieht beeindruckend und mächtig aus,

Diese Ich-brauche-niemanden-Haltung.

Doch hinter diesem extrem starken Unabhängigkeitsbedürfnis steckt ziemlich oft eine gewaltige,

Aber verdeckte Angst.

Die Angst,

Nicht vertrauen zu können,

Nur alleine klarzukommen,

Keine Sicherheit bei anderen und in Beziehungen zu finden.

Und das hat Folgen für das ganze Leben und vor allem für die Beziehungsfähigkeit.

Die Autonomie ist eine Rettungsstrategie,

Mit der man leider einsam bleibt und die Lebensfreude,

Tiefe Verbindungen und echte Auffüllung im Leben verhindert.

Zum Glück kann man lernen,

Sich davon zu befreien und die glänzende Rüstung auch mal abzulegen.

Leben lieben lassen,

Der Podcast zum Thema Persönlichkeit,

Beziehung und Selbstliebe.

Von und mit Claudia Bechert-Möckel.

Herzlich willkommen bei Leben lieben lassen,

Deinem Selbstcoaching-Podcast mit Herz und Verstand.

Jede Woche am Sonntag gibt's hier Inspirationen,

Impulse und Tools für Dich und Dein Leben und Deine Beziehungen.

Und ich bin Claudia Bechert-Möckel,

Persönlichkeits- und Beziehungscoach.

Ich unterstütze Menschen dabei,

Sich selbst und andere besser zu verstehen,

Um gelingende Beziehungen zu führen.

Ja und vielleicht bist Du ja auch schon mal solchen super autonomen Menschen begegnet,

Die wie unangreifbar scheinen.

Oder hast Du selbst schon mal an Dir so hyperunabhängige Tendenzen bemerkt und überforderst Dich vielleicht mit diesem ewigen Starksein-Müssen und keine Hilfe annehmen können?

Dann ist diese Folge für Dich.

Wir schauen uns in dieser Episode an,

Was es mit dem Phänomen der Hyperunabhängigkeit auf sich hat,

Wie Du es erkennst und anfangen kannst,

Dich davon zu befreien.

Gleich!

Vor ein paar Tagen war es,

Da kam ein interessanter Impuls aus der Leben lieben lassen Community.

Eine Hörerin schrieb mir folgendes.

Claudia,

Mich würde brennend das Thema Hyperunabhängigkeit interessieren.

Ich habe einen Beitrag gelesen und mich darin wiedergefunden.

Ich bin in eine andere Stadt gezogen,

Ungefähr 600 Kilometer entfernt und lebe seit 5 Jahren hier,

Ohne Freunde,

Familie und Partner.

Es ist nicht mehr schön und ich muss da raus.

Vielleicht interessiert dieses Thema ja auch andere Zuhörer,

Denn die Thematik scheint noch nicht so bekannt zu sein.

Eine super Frage ist das.

Tatsächlich wird das Thema der Superautonomie,

Wie ich es nenne,

Meist nur so nebenbei erwähnt.

Es kommt oft im Zusammenhang mit emotionaler Abhängigkeit in Beziehungen vor,

Um so als Gegenstück des Niemand-Brauchens zu fungieren.

Oder es kommt vor beim Thema Bindungsangst,

Da wird das Bedürfnis nach absolute Unabhängigkeit auch manchmal erwähnt,

Wenn es um extrem starke Autonomiebedürfnisse geht,

Die ja manche Menschen haben.

Aber so richtig ausführlich wird wirklich selten darauf eingegangen und deshalb tun wir das heute bei Leben leben lassen,

Denn ich treffe die Superautonomie recht häufig an in Beratung und Coaching,

Auffällig besonders für mich der Typ taffe Frau,

Die alles hinkriegt und ihr Leben im Griff hat und sich innerlich danach sehnt,

Sich auch endlich mal anlehnen zu können.

Und was die Hörerin beschreibt,

Weit weg ziehen,

Keine Freunde,

Keine Familie,

Ganz auf sich allein gestellt,

Das klingt ja auch erstmal super mutig und taff,

Oder?

Das würde ich mich ehrlich gesagt gar nicht trauen und du vielleicht auch nicht.

Und ich kann ja jetzt die Hörerin nicht fragen,

Was bei ihr genau dahinter steckt,

Aber sie schreibt ja,

Es ist nicht mehr schön und ich muss da raus.

Also kann es sich,

So toll wie es klingt,

Gar nicht anfühlen.

Aber da wir nichts genaueres dazu wissen,

Gehe ich auf das Phänomen nur allgemein ein und ich erzähle dir auch einen Fall aus meiner Beratung.

Dieses extreme Unabhängigkeitsbedürfnis,

Ich zeige mir selbst und allen anderen,

Dass ich alleine klarkomme,

Lässt einen ein wichtiges menschliches Grundbedürfnis in einer gigantischen Übertreibung ausleben,

Nämlich das Bedürfnis nach Autonomie,

Ich selbst sein,

Mein Ding machen,

Aus mir selbst heraus im sicheren Stand stehen.

Auf meinen eigenen Beinen,

In meinem Leben.

Das ist total erstrebenswert für uns alle und tatsächlich ist es etwas,

Zu dem sich manche von uns erst mühevoll hinentwickeln müssen.

Und eine gesunde Autonomie ist etwas wunderbares.

Diese übertriebene Unabhängigkeit aber,

Die Superautonomie,

Wie ich sie nenne,

Vermeidet aber regelrecht ein anderes wichtiges Grundbedürfnis,

Das wir ja auch haben,

Das nach Verbundenheit uns einzulassen,

Zu vertrauen,

Zu kooperieren,

Verantwortung zu teilen und auch mal abzugeben,

Uns hinzugeben.

Hier ist also die Balance gekippt.

Hyperunabhängigkeit ist fast immer eine Folge von schwierigen Bindungserfahrungen in der Kindheit,

Insbesondere von Entwicklungstrauma.

Die Superautonomen,

Die haben früh gelernt,

Ihre Bedürfnisse und Ängste zu unterdrücken,

Da sie in ihren Herkunftsfamilien schon stark sein mussten,

Um klarzukommen und oft zu wenig Zuwendung und Liebe und zu wenig Gehaltensein erfahren haben.

Stattdessen wurde ihnen meist schon früh vermittelt,

Dass sie irgendwie alleine klarkommen müssen,

Sich nicht verlassen können auf andere und Eigenständigkeit wurde daher zur Rettungsstrategie aus schwierigen Situationen,

Genau wie Tapfersein und die eigenen Emotionen unterdrücken.

Und das Motto,

Das diese Menschen häufig haben,

Ich sage es ganz bewusst,

Indianer kennen keinen Schmerz.

Aus Studien weiß man,

Dass solche hyperautonomen Menschen häufig unter enormem Stress stehen,

Obwohl sie doch nach außen hin souverän und unabhängig wirken.

Das sind sie auch,

Aber sie haben eben ein Problem auf der anderen Seite im Bereich des Vertrauens und sich Einlassens,

Obwohl sie sich das so sehr wünschen.

Sie haben sich angewöhnt,

Alles alleine zu bewältigen,

Selbst wenn das bedeutet,

Sich dabei zu überfordern und das tun sie häufig.

Und sie verlangen sehr,

Sehr viel von sich.

Und dafür ernten sie natürlich auch sehr viel Anerkennung im Laufe ihres Lebens,

Denn stark und unabhängig zu sein,

Das ist ja in unserem Werteverständnis sehr eng mit Erfolg und Willensstärke gekoppelt und sehr angesehen in unsere Gesellschaft.

Oder anders gesagt,

Wenn man nicht so zimperlich ist mit sich selbst und anderen,

Dann bringt man es meistens weit.

Allerdings im Laufe ihres Lebens entwickeln diese Menschen mit der Hyperunabhängigkeit häufig bestimmte Symptome.

Eins davon ist,

Dass sie Schwierigkeiten haben,

Um Hilfe zu bitten oder Hilfe anzunehmen oder auch beides,

Weil sie das als Schwäche empfinden.

Dann schaffen sie es ja nicht aus eigener Kraft.

Was auch ein ganz häufiges Symptom ist,

Dass ihre eigenen Bedürfnisse,

Zum Beispiel in Beziehungen,

Oft unerfüllt bleiben.

Weil diese Menschen nicht so gut gelernt haben,

Ihre Bedürfnisse überhaupt zu spüren und dann auch noch zu benennen oder auch Grenzen zu setzen.

So komisch das klingen mag,

Aber ausgerechnet die hyperautonomen Menschen kippen,

Wenn sie sich in Beziehungen einlassen,

Nicht selten in eine Überanpassung oder Abhängigkeit.

Dazu gleich noch mehr.

Belassen wir es für diesen Moment erstmal dabei,

Dass ihnen das Grenzen setzen oder um etwas zu bitten schwerfällt.

Stattdessen ziehen sie sich nämlich dann lieber zurück und verstecken sich in der Isolation,

Wenn sie unzufrieden,

Enttäuscht oder unglücklich sind.

Und dieser Rückzug führt dann zwangsläufig zur Einsamkeit.

Andere Menschen kommen schlichtweg überhaupt nicht darauf,

Dass die Superautonomen irgendetwas brauchen könnten.

Und sie sagen ja auch nichts.

Logischerweise sind zwischenmenschliche Beziehungen,

Besonders Partnerschaften,

Für diese Menschen eine Herausforderung.

Im Grunde ihres Herzens,

Obwohl sie sich nach Liebe und Verbundenheit sehnen,

Haben sie ein latentes,

Unbeabsichtigtes und doch spürbares tiefes Misstrauen gegenüber anderen und demgegenüber enge Bindungen einzugehen.

Die meisten von ihnen haben einen ängstlich vermeidenden Bindungsstil.

Sehnen sich nach Beziehungen,

Können aber dann die Nähe nicht aushalten.

Und oft ist diesen Menschen überhaupt nicht bewusst,

Dass sich hinter ihrem starken Schutzpanzer,

Der von außen so glänzend aussieht,

Eine tiefe Angst verbirgt.

Denn sie sind ja stark.

Aber es gibt wie gesagt Symptome,

An denen man die Hyperunabhängigkeit erkennen kann.

Zum Beispiel rollen sie gern mit den Augen,

Wenn jemand zu bedürftig oder zu schwach erscheint oder unselbstständig ist.

So ein überdeutliches Abhängigkeitsverhalten von Menschen erinnert nämlich die Hyperautonomen unbewusst daran,

Dass sie sich selbst keinerlei Anlehnungsbedürfnis oder Schwäche zugestehen können und diesen verletzlichen Anteil,

Den sie ja auch haben,

In sich selbst rigoros ablehnen.

Stattdessen projizieren sie das,

Was sie bei sich nicht sehen können,

Auf die anderen.

Und dann sind sie eben genervt von bedürftigen Menschen.

Sie verstehen überhaupt nicht,

Wie man sich so sehr auf andere verlassen kann.

Was auch auffällt,

Dass hyperautonome Menschen nicht gerne die Verantwortung oder die Führung abgeben.

Genauso wenig wie die Kontrolle.

Und sie vermeiden es auch,

Aufgaben zu delegieren.

Aus Angst,

Dass das dann nicht richtig erledigt wird,

Nicht in ihrem Sinne.

Und dieser ständige Druck,

Alles selbst machen zu müssen oder auch alles richtig machen zu müssen,

Der kann letztendlich zu Erschöpfung,

Überforderung und eben auch zu Angst führen.

Und eben auch zur Isolation führen.

Das wirkt anstrengend auf andere.

Und du erkennst schon an dieser Stelle,

Das ist ein richtiger Teufelskreis und um daraus auszubrechen,

Ist es wichtig,

Dass man die zugrunde liegenden schmerzhaften frühen Erfahrungen erkennen kann und anfängt,

Diese zu integrieren und neue Verhaltensstrategien zu lernen.

Erst dann können die von Hyperunabhängigkeit betroffenen Menschen lernen,

Dass es in Ordnung ist,

Hilfe anzunehmen und sich auf andere einzulassen,

Ohne ihre Unabhängigkeit zu verlieren.

Und dann können sie auch anfangen,

Sich zu entspannen.

Denn eigentlich sind sie permanent angestrengt.

Es geht also auch hier im Falle der Hyperunabhängigen darum,

Die Balance zu finden.

Sich einzulassen und zu verbinden mit anderen,

Ohne die eigene Integrität und die Autonomie zu verlieren.

Es geht wie immer um das UND,

Nicht um das NICHT um das ENTWEDER-ODER.

Und es ist auch so,

Wenn dir an jemandem ein Verhalten besonders deutlich auffällt,

Wenn dieses Verhalten hervorstechend ist,

Wie zum Beispiel so eine Hyperautonomie,

Wenn dieser Mensch so übermäßig stark wirkt,

Dann frag dich mal,

Warum dieser Mensch das so besonders hervorheben muss.

Warum sich dieser Mensch so anstrengt,

Sich selbst und allen anderen zu zeigen,

Ich brauche niemanden.

Ganz klar,

Weil dieser Mensch eine Angst abwehrt,

Eine Angst,

Die genau das Gegenteil des sichtbaren Verhaltens darstellt.

Die Hyperautonomie ist eine Kompensationsstrategie,

Um die Angst abzuwehren.

Wer sich übermäßig stark,

Unabhängig und autonom geben muss,

Hat auch nicht einfach so beschlossen,

Ich habe Schwierigkeiten,

Anderen zu vertrauen.

Nee,

Darunter liegen alte Verletzungen.

Und diese alten schmerzhaften Muster sind Erfahrungen und Schlussfolgerungen aus dem,

Was man in seinen Herkunftsfamilien erlebt hat.

Ich kann mich nicht verlassen.

Ich darf nicht schwach sein.

Ich bin auf mich allein gestellt.

Niemand ist für mich da.

Ich kann nicht vertrauen.

Niemand wird mich auffangen.

Keine Sicherheit.

Kein Trost.

Nirgends.

Und daraus folgen Strategien,

Die einem helfen,

Damit klarzukommen,

Wie Ich muss immer stark sein.

Wenn ich es im Griff habe,

Kann ich mich darauf verlassen,

Dass das Ganze in die richtige Richtung geht.

Ich muss alles unter Kontrolle bringen,

Darf nie lockerlassen.

Ich muss tapfer sein.

Ich muss es alleine hinkriegen.

Ich muss funktionieren.

Ich darf niemals lockerlassen.

Beziehungen sind nicht sicher.

Menschen wechselhaft.

Die Hyperautonomen haben nicht genug Halterfahren,

Nicht genug Trost,

Haben meist schon früh Verantwortung für ihre Eltern oder Geschwister übernehmen müssen,

Haben nicht selten die Familie zusammengehalten,

Indem sie die Rolle der Großen eingenommen haben,

Der Stütze.

Und ihren eigenen Schmerz,

Ihre Angst,

Ihre Hilflosigkeit,

Die haben sie niemandem zumuten können.

Dafür war kein Platz.

Aus solchen und ähnlichen Erfahrungen,

Auch aus denen mit schwachen Eltern,

Die vielleicht aus den verschiedensten Gründen ihre Erwachsenenrolle in der Familie nicht einnehmen konnten,

Erwächst nicht selten eine Stärke aus der Not.

Kinder aus solchen Familien wachsen in eine Verantwortung hinein,

Die wie eine viel zu große Jacke ist.

Und doch ziehen sie sich diese Jacke an,

Weil die in der Familie,

Denen sie passt,

Sie nicht nehmen.

Kurzum,

Die Superautonomie ist eine Überlebensstrategie,

Eine Selbstrettung,

Die einen vor der Angst schützen kann,

In Beziehungen verloren zu gehen,

Nie sicher zu sein,

Weil man als Kind genau diese Erfahrung gemacht hat.

Kein Rückhalt,

Kein Schutz,

Also kein Vertrauen.

Hilf dir selbst und stell dich nicht so an.

Das heißt auch,

Fühle ihn nicht,

Deinen Schmerz.

Drück ihn weg,

Denn dann wird vieles leichter.

Und so eine Stärke aus der Not,

Wenn man die entwickelt hat,

Dann sieht die ja von außen aus wie Macht.

Aber in der Übertreibung,

Wenn die Fähigkeit,

Sich einzulassen,

Dabei verbaut wird,

Ist es keine Macht,

Es ist Ohnmacht.

Wie schon gesagt,

Hier fehlt die gesunde Balance zwischen ich mach mein Ding und ich krieg mein Leben auf die Kette aus meiner eigenen Kraft und ich kann mich einlassen.

Darf mal schwach sein,

Kontrolle abgeben,

Weil ich dir vertrauen kann.

Doch der Wunsch danach bleibt natürlich bestehen.

Auch der Wunsch nach Verbundenheit,

Wie eine tiefe Sehnsucht,

Die nicht den Raum betreten darf,

Die weggesperrt werden muss.

Alina ist eine kluge,

Starke,

Wunderschöne Frau,

Mitte 30,

Beruflich sehr erfolgreich.

Großer Freund des Kreises.

Alina weiß,

Was sie will,

Man hat auch sofort Respekt vor ihr.

Sie ist direkt und klar und wirkt so insgesamt rechtssachlich.

Alina hat auch ein großes Herz,

Aber das zeigt sich erst auf den zweiten Blick.

Sie strahlt eine gewisse natürliche Autorität aus und es hilft ihr natürlich auch beruflich.

Wenn man sie sieht,

Denkt man sofort,

Diese Frau kriegt alles hin.

Mit Beziehungen hat sie es schwer.

Entweder ist sie sehr kritisch und kann sich nicht so richtig entscheiden,

Ob es wirklich passt oder sie verliert ihr Herz.

Zweimal schon hat sie sich in Beziehungen bis zur Selbstaufgabe verloren,

Konnte lange nicht loslassen,

Weil sie kippte in Beziehungen.

Vom Ich brauche niemanden in die emotionale Abhängigkeit,

Ins Klammern,

In die Selbstaufgabe.

Und es passierte immer dann,

Wenn sie mal wirklich das Tor zu ihren tiefsten Emotionen aufmachte.

Dann kommt nämlich ein kindlich verletzter Anteil in ihr zum Vorschein und es ist nie gut gegangen in Beziehungen.

Eine ungesunde Verstrickung mit vielen Kämpfen und Krämpfen war in der letzten Beziehung die Folge.

Lange,

Schmerzhafte Loslass- und Trennungsprozesse.

Bis sie dann in der nächsten Beziehung wieder in der Sicherheitszone blieb,

Emotional gesehen.

Ich lass mich nur ein bisschen ein,

Dann kann ich nicht verletzt werden.

Ich bleibe auf Distanz und behalte die Kontrolle und ich beeinflusse den Lauf der Beziehung.

Dann bin ich sicher,

Dann kann mir nichts passieren.

Die Folge war diesmal,

Dass sie gelangweilt war von so einer Art Beziehung.

Und na klar,

Wenn du hier öfters reinhörst,

Erkennst du es,

Das sind Strategien einer Bindungsangst,

Um sich vor dem Sich-Verlieren in einer Beziehung zu schützen.

Ich zeige Alina mein Bild von einem Bus.

Stell dir mal das Bild von einem Bus vor.

Wie von einem Kind gemalt,

Seitenansicht.

Und ich frage Alina,

Wenn das der Bus ist,

Der durch ihre Beziehung fährt,

Wo glaubt sie denn zu sitzen?

Und wo ihr derzeitiger,

Sagen wir mal Halbpartner?

Alina wundert sich über diese Frage.

Natürlich sitzt sie am Steuer,

Er sitzt hinten.

Und was denkt sie über Menschen,

Die hinten sitzen?

Die sind schwach.

Wem traust du denn zu,

Das Steuer an die Hand zu nehmen?

Niemandem,

Sagt Alina.

Aber genau das ist es,

Was sie sich wünscht von einer Beziehung,

Von ihm.

Dabei kann sie nicht zulassen,

Das Steuer aus der Hand zu geben.

Erkennst du den inneren Widerspruch,

Den Alina hat?

Und wenn sie das Steuer doch mal abgegeben hat,

Weil sie sich auf ihre Gefühle eingelassen hat,

Dann hat ihre Angst am Ende recht behalten und die Richtung,

Die der andere einschlug,

War nicht ihre.

Also setzte sie sich wieder ans Steuer und sie fand zurück zu ihrer bewährten,

Einsam machenden Rettungsstrategie der Superautonomie.

Ich darf keine Hilfe annehmen,

Muss es alleine schaffen.

Superwoman braucht niemanden.

Das war der Alina-Style und das machte sie enorm einsam.

So einsam wie in ihrer Kindheit,

Als sie mit einer emotional verletzlichen,

Hilflosen Mutter und einem selten anwesenden,

Aber streitlustigen und launischen Vater aufgewachsen war.

Die Eltern hatten sich immer wieder leidenschaftliche Streits geliefert,

Wenn sie zusammen waren.

Aber auf einen Nenner sind sie nie gekommen.

Die Geschwister und Alina wuchsen in einem Umfeld permanenter Spannung auf,

Die unerträglich war.

Die Mutter war in emotionaler Abhängigkeit zum Vater gefangen und sie hatte wenig Kraft und wenig Aufmerksamkeit für ihre Kinder.

Der Vater war schlichtweg selten da und da er cholerisch war,

War er emotional keine sichere Bank,

Auch wenn Alina ihn mochte.

Also wurde Alina die Starke,

Die der Halt ihrer Geschwister war und auch noch die emotionale Stütze ihrer Mama.

Sie musste stark sein.

Sie musste eine Rüstung anziehen,

Ihre Angst und ihren Schmerz unterdrücken.

Was hätte sie denn sonst tun sollen?

Ich habe Angst unterzugehen.

Deshalb habe ich beschlossen,

Stark zu sein.

Dann fühlt sich das alles besser an,

Weniger traurig und weniger hilflos.

Sicherer.

Jetzt wird der Zusammenhang deutlicher.

Von außen mögen Frauen wie Alina wirklich aussehen wie Superwomen.

Und deshalb passiert es gar nicht selten,

Dass Menschen bei ihnen andocken,

Die sich von dieser Stärke angezogen fühlen,

Weil sie ihnen selbst ein bisschen fehlt.

Die sich also in sich schwach und wackelig fühlen.

Gehen die beiden dann in eine Beziehung,

Ist das Kräfteungleichgewicht schon vorprogrammiert.

Wirkliche Stärke ist dagegen nicht,

Die ganze Zeit tapfer zu sein.

Wirkliche Stärke hast du erst dann,

Wenn du dir auch erlauben kannst,

Auch mal nicht mehr weiter zu wissen.

Mal um Hilfe zu bitten oder zu erlauben,

Dass du auch mal Fehler machst.

Und das kann man lernen.

In einem Umfeld,

Das selbst stark genug ist und wenn man es wirklich will.

Denn auch die Superautonomen können lernen,

Dass man zu zweit die Richtung bestimmen kann,

Wenn man jetzt an den Bus denkt.

Dann kann man nämlich abwechselnd fahren durch die Beziehung und einer kann sich einmal mal ausruhen.

Man kann Verantwortung abgeben und teilen.

Schließlich fährt man ja in die gemeinsam vereinbarte Richtung und darauf kann man vertrauen.

So geht das in Beziehungen auf Augenhöhe.

Und dazu brauchen Menschen wie Alina einen Partner,

Der selbst fest aus sich selbst heraus im sicheren Stand steht in seinem Leben und nicht permanent versorgt werden muss oder sich anlehnt oder gezogen werden muss.

Sie brauchen jemanden,

Der sich des Vertrauens würdig erweist und sich nicht gleich die Butter vom Brot nehmen lässt.

Jemanden,

Der selbst genug Stärke hat,

Aber nicht kontrollieren muss.

Der das Steuer auch mal nimmt.

Dann kann sich Alina entspannen.

Dann entspannen sie sich.

Alina übt das gerade.

Sie lernt,

Dass ihre kraftvolle Art,

Ihre Willensstärke und ihre Fähigkeit zur Unabhängigkeit eine Art Superpower sind.

Dass die Übertreibung davon sie aber eher unantastbar macht wie eine Statue aus Marmor und Stahl.

Und sie fährt ihre Schutzmauer nach und nach runter bei Menschen,

Denen sie vertraut.

Und sie zeigt auch mal ihre schwachen Seiten.

Vor allem lernt Alina,

Mit sich selbst weniger hart und fordernd zu sein,

Nicht immer funktionieren zu müssen.

Und sie lernt,

Dass ihre Sehnsucht danach,

Sich auch mal gehalten und geborgen zu fühlen,

Keine Schwäche,

Sondern das Natürlichste von der Welt ist.

Die Hyperautonomie ist eine Weg-von-der-Angst-Bewegung.

Das ist eine Pseudosicherheit,

Die daraus resultiert,

Dass man den Teil in sich nicht zulassen kann,

Der emotional verletzlich ist.

Sich verletzlich zu zeigen oder hilflos,

Das ist der Untergang.

So die Erfahrung.

Niemand fängt mich auf.

Es gibt keine Sicherheit im Du.

Ich bin eigentlich allein und damit verloren.

Das ist die Urangst und der Urschmerz in den ersten Beziehungserfahrungen.

Und wenn du dir das mal genau anschaust,

Ist das ja im Grunde auch die Wurzel von den Menschen,

Die das unsicher abhängige oder überinvolvierte Bindungsmuster leben.

Die haben denselben Urschmerz.

Sie nehmen nur einen anderen Rettungsweg.

Während nämlich die Superautonomen ihr Heil im Ich brauche niemanden und bin super stark suchen,

Verlieren sich die Überinvolvierten in die Abhängigkeit.

Ich tue alles,

Dass du doch noch für mich da bist und halte mich notfalls auch klammernd an dir fest.

Alles hängt von dir ab.

Rette mich.

Beide,

Die Superautonomen wie auch die Abhängigen,

Haben eine ähnliche Wunde.

Beide suchen ihren Ausweg entweder in übermäßiger Autonomie oder übermäßiger Bindung,

Jeweils im Extrem.

Beiden fehlt die Balance und deswegen kommen beide nie dort an,

Wo sie sich wirklich sicher fühlen können.

So lange,

Bis sie die gekippte Balance in sich wiederherstellen oder überhaupt erst mal möglich machen.

Aber da wir ja heute bei den vermeidenden Superautonomen sind,

Über die Abhängigkeit haben wir ja schon sehr oft gesprochen an diesem Podcast,

Der Preis,

Der gezahlt wird von ihnen,

Um weg von der alten Angst des Verlorenseins zu kommen,

Ist,

Sich nie wieder richtig einlassen zu können.

Und dieser Preis ist zu hoch.

Keine echte Nähe zu erfahren.

Was kannst du also tun,

Wenn du dich erkennst und du auch Tendenzen der Superautonomie hast?

Dich zu erkennen,

Ist wie immer der Schlüssel.

Deine tiefe Angst zu verstehen,

Dich anzunehmen und zu akzeptieren mit deiner Verletztheit,

Das ist schon der erste Schritt auf dem Weg zur Veränderung.

Sei freundlich mit dir und lass doch bitte auch mal die Traurigkeit zu und den Schmerz,

Den du gefühlt haben musst,

Bevor du die Ritterrüstung der unantastbaren Stärke anziehen musstest.

Alina hat sich als Kind gesehen.

Sie hat ihre Einsamkeit,

Ihre Trauer und ihre Angst gespürt.

Ihren Wunsch,

Die Familie zusammenzuhalten.

Das war ein Prozess des Selbstmitgefühls,

Bei dem sie sich selbst Briefe schrieb.

Sie schrieb als Erwachsene Briefe an das Kind,

Das sie damals war.

Und sie antwortete sich als das Kind,

Das sie war,

An die Erwachsene,

Die sie heute ist.

Und dabei lernte sie sich selbst kennen.

Es war magisch für Alina,

Diese Erfahrung zu machen.

Sie kam sich und ihren Emotionen dabei sehr,

Sehr nahe.

Sie weinte oft,

Aber es war auch befreiend.

Früher hatte sie sich solche emotionalen Ausbrüche nie erlaubt.

Und sie fragte sich auch,

In welchen Beziehungen muss ich die Schutzrüstung nicht anhaben?

Wo ziehe ich sie aus?

Bei ihren Freunden konnte Alina mehr so sein,

Wie sie war.

Ihnen vertraute sie.

Und wir fragten,

Wie macht sie das?

Was ist anders bei den Freunden?

Wie kann sie das,

Was sie da anders macht,

Auch in andere Beziehungen übertragen?

Zu Männern zum Beispiel.

In diesem Prozess steckt Alina noch,

Aber sie ist gut unterwegs,

Wie ich gerne sage.

Und sie hat verstanden,

Ich kann Beziehung nur in Beziehungen lernen.

Ich kann sie nicht theoretisch vorwegnehmen.

Ich muss sie ausprobieren und erleben.

Ich darf mich dabei erleben und spüren und dann situativ schauen,

Was das mit mir macht und wie ich reagieren möchte.

Was ich fühle,

Ist wichtig.

Und irgendwann wird jemand in ihr Leben kommen,

Dem sie zutraut,

Mit ihr am Steuer einer Beziehung zu sitzen und vielleicht sogar mal loszulassen und gehalten zu sein,

Vertrauen zu wagen.

Denn das ist ihr sehnlichster Wunsch.

Und ich habe natürlich keine Glaskugel,

Aber ich bin fast sicher,

Dass sie das erleben wird.

Weil sie es wirklich,

Wirklich will.

Denn es lebt sich so viel schöner ohne so eine starre Rüstung.

Alles Liebe für dich,

Deine Claudia.

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Neueste Bewertungen

Marc

March 4, 2025

Sehr gut, danke für deine wertvolle Arbeit!

Melanie

September 18, 2024

Großartiges Thema. Ich habe mich sofort wiedererkannt. Danke für die nächsten Schritte die ich gehen und lernen werde....

© 2026 Claudia Bechert-Möckel. All rights reserved. All copyright in this work remains with the original creator. No part of this material may be reproduced, distributed, or transmitted in any form or by any means, without the prior written permission of the copyright owner.

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